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V o n P r o f . D r . S c h m i d - T a n n w a l d
Professor für Frauenheilkunde und Geburtshilfe an der LMU - München, langjähriger Leiter der Familienplanungsstelle der
Frauenklinik der Universität München im Klinikum Großhadern und 1. Vors. der Ärzte für das Leben. Jüngste
Buchveröffentlichungen: "Sexualität und Kontrazeption aus der Sicht der Jugendlichen und ihrer Eltern". Eine
repräsentative Studie im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln 1998 (zus. mit N. Kluge);
"Gestern 'lebensunwert', heute 'unzumutbar' - Wiederholt sich die Geschichte doch?"
Definition und Wesen
Unter dem Post-Abortion-Syndrom versteht man eine Reihe von unterschiedlichen Erscheinungen mit Krankheitswert, deren
Ursache man auf vorausgegangene vorgeburtliche Kindstötung(en) zurückführt. Insofern ist das PAS eine Sonderform von
"Post-Traumatic Stress Disorder (PTSD)", einer durch ein schweres Trauma
ausgelösten Störung körperlicher und seelischer Funktionen, die vor allem nach körperlicher Gewaltanwendung, sexueller
Vergewaltigung oder als passive bzw. aktive Teilnahme an einem gewaltsamen Tötungsgeschehen auftreten.
Das Erleben der Abtreibung als Trauma beruht auf
- Gefühlen der Schuld, der Angst und des Schmerzes im Zusammenhang mit einer Abtreibung- aus welchen Begründungen
sie auch "nötig" oder erzwungen war,
- dem Wissen um das gewaltsame Töten des eigenen Kindes,
- der Assoziation mit einer sexuellen Vergewaltigung oder
- anderen Gründen und Erlebnissen.
Die dabei ausgelösten Abwehrreaktionen können ein Eigenleben entfalten und losgelöst vom ursprünglichen
traumatisierenden Ereignis, auffällige Verhaltensweisen und ausgeprägtere Veränderungen der Persönlichkeitsstruktur
bewirken. Unmotivierte intensive Gefühlsausbrüche ohne Erinnerung an das ursprüngliche, traumatisierende Ereignis
einerseits und detailgenaue Wiederkehr der Erinnerung daran, ohne jegliche gefühlsmäßige Beteiligung andererseits, sind
ebenso Beispiele hierfür, wie die Kombination beider Erscheinungen.
Mangel an wissenschaftlicher Literatur
Wissenschaftliche Literatur unter dem Stichwort "Postabortion Syndrom" gibt es wenig; so fördern
Literaturrecherchen unter diesem und ähnlichen Stichwörtern (z.B. "posttraumatic stress disorder after
abortion" in medizinischen Suchmaschinen (z.B. MedLine, PubMed u.a.) nur ganz vereinzelte Arbeiten zutage, die
sich zudem auf körperliche Komplikationen im nachweisbaren Zusammenhang mit einer Abtreibung beschränken. Dagegen
findet man ausführliche Zusammenstellungen des darauf spezialisierten Elliot Institute, in denen umfangreiche Angaben
über die Ursachen, die Erscheinungsformen, die Häufigkeit einzelner körperlicher und seelischer Folgeerscheinungen auch
in Abhängigkeit von der Zahl und der Dauer der vorausgegangenen Abtreibungen, Ausführungen über die Ursachen unseres
mangelnden Wissens über die seelischen Abtreibungsfolgen und Charakteristika jener Frauen, die ein hohes Risiko haben,
nach einer Abtreibung an einem PAS zu erkranken u.v.a. zusammengetragen sind; allerdings stammen die verwendeten
Literaturzitate noch aus den späten 70er - und 80er Jahren - offensichtlich Ausdruck eines fehlenden
Forschungsinteresses in den letzten Jahren (Internetsite: www.afterabortion.org ).
Andererseits sind vielen Frauenärzten, aber auch vielen Frauen aus
eigener Erfahrung oder durch vertrauliche Erzählungen die schmerzhaften Erinnerungen bekannt, die Frauen nach
Abtreibungen oft viele Jahre danach und viele Jahre lang überkommen: Phantasien über das Aussehen des abgetriebenen
Kindes, ritualisiertes Begehen des Geburtstages, Erinnern an den Tag der Abtreibung etc.
Kollektive Abwehr der Abtreibung und des PAS
Allerdings passen Berichte über Abtreibungsfolgen nicht in die gegenwärtige Betrachtugsweise, wonach die Abtreibung als
unbedenkliches Mittel der Geburtenkontrolle - so wird behauptet - d.h. zur Durchsetzung der selbstbestimmten Kinderzahl
gesellschaftlich und als therapeutische Maßnahme zur "Behandlung" sog. ungewollter Schwangerschaften
gesellschaftlich akzeptiert ist. Die Auseinandersetzung mit den Geschehnissen um die Folgen der Abtreibung in unsere
Gesellschaft werden tabuisiert. Der Grund hierfür: das Abtreiben als Methode der Geburtenkontrolle soll nicht in
Mißkredit gebracht werden.
Wie in den individuellen Fällen, bei denen ein Vermeidungs- und
Verleugnungsverhalten im Gefolge des traumatischen Ereignisses charakteristisch sein kann (was sich z.B. auf die
Bereitschaft auswirkt, an Studien hierzu teilzunehmen), erkennt auch die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit, die kurz -
und langzeitigen Auswirkungen der massenhaften Abtreibungen hierzulande auf die vielen Millionen von Betroffenen nicht
an oder will sie nicht wahrhaben.
Man
rechtfertigt, leugnet oder verdrängt das massenhafte
Tötungsgeschehen der Abtreibung und tut so, als sei die "Entfernung einer Schwangerschaft", ein medizinischer
Eingriff, wie die Entfernung eines Gewächses, einer Warze oder eines Polypen.
Daran nicht zu rühren liegt im Interesse einer Jahr für Jahr immer
größer werdenden Zahl davon direkt Betroffener und indirekt Beteiligter, die inzwischen wohl die Mehrheit bilden.
Das Verständnis des Postabortion-Syndroms setzt m.E. aber voraus, daß man sich die körperlich-seelische Dimension der
Schwangerschaft als ein psyochosomatisches Symptom vergegenwärtigt. Sie ist keineswegs nur ein biologisches Geschehen
mit schnellem Wachstum der Gebärmutter, das man - sofern unerwünscht - ohne Folgen absaugen oder abtreiben kann (s.
"Die Schwangerschaft als Ausdruck eines körperlich-seelischen Geschehens in einer Beziehung")
Nicht zufällig, so scheint es, entsorgt man das Post Abortion Syndrom
sprachlich-inhaltlich mit diesem doppelt fremdsprachigen und daher nichtssagenden Begriff.
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