|
Einführung:
Dass Alkoholbelastungen in der Familie ein Risiko für die
Entwicklung der Kinder der nächsten Generation darstellen, ist seit langem bekannt. Dennoch wurde dieses Problem
überwiegend ignoriert und geleugnet, so dass die diesbezügliche Forschung am Anfang des 21. Jahrhunderts, speziell in
Deutschland, weit hinter den Notwendigkeiten zurückliegt. Der vorliegende Beitrag vermittelt daher zunächst
grundlegende Ergebnisse der bisherigen Forschung, die überwiegend aus den USA kommt.
Überblick: Kinder alkoholabhängiger Eltern weisen insgesamt ein
erhöhtes Risiko auf, in Bezug auf eine spätere Suchtstörung sowie Verhaltens- und Erlebnisstörungen in der Kindheit und
Jugend. Kinder von Suchtkranken wurden wiederholt in der Forschung als die größte Risikogruppe bezüglich der
Entwicklung einer eigenen Suchterkrankung identifiziert und mit ihren Risikomerkmalen ausführlich beschrieben. Diese
Gefährdung naher Familienangehöriger im Umfeld von Suchtstörungen ist bereits seit langem bekannt. Nachdem in der
Antike Plutrach (= griechische Philosoph und Historiker der hellenistisch-römischen Zeit) den Leitsatz "Trinker
zeugen Trinker" prägte, begann seit dem 18. Jahrhundert, ausgelöst durch die Ginepedemie in England und wenig
später durch weitere Alkoholkrisen in den Ländern der frühen industriellen Revolution, eine systematische Beschäftigung
auch mit den familiären Risiken des Alkoholismus. In einem für die damalige Zeit beeindruckenden Sammelreferat hat Oort
(= niederländischer Astronom) den Stand der epidemiologischen und experimentellen Forschung zum Einfluss elterlichen
Alkoholmissbrauchs auf die folgende Generation zusammengefasst. dennoch gerieten die Probleme der Kinder in
suchtbelasteten Familien immer wieder in Vergessenheit.
Erst seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist eine nennenswerte empirische Forschung zu diesem Thema zu
verzeichnen, vorrangig in den USA und in Skandinavien. In einer inzwischen klassischen Überblicksarbeit hatte Goodwin
zusammenfassend analysiert, dass 25% der Väter und Brüder alkoholabhängiger Patienten ebenfalls alkoholabhängig sind.
80% der engen biologischen Verwandten klinisch behandelter Alkoholiker weisen eine Lebenszeitprävalenz für
Alkoholproblemen auf. Das Zusammenleben mit einem alkoholabhängigen Elternteil wird von den meisten Kindern als
stresshafter Zustand empfunden. für die Familie als Ganzes besteht eine größere Exposition gegenüber Stressoren. Wenn
diese dauerhaft vorherrschen und als nicht veränderbar wahrgenommen werden, kann von Duldungsstress, wenn es zu
krisenhaften, bisweilen traumatischen Ereignissen kommt, von Katastrophenstress gesprochen werden.
Es gilt als erwiesen, dass Alkoholabhängige überzufällig oft aus Familien stammen, in denen bereits Vater bzw. Mutter
oder beide Elternteile abhängig waren. Eine amerikanische Übersichtsstudie zeigte, dass von knapp 4'000
alkoholabhängigen Personen 30,8% einen abhängigen Elternteil aufweisen. Eine Langzeitstudie über einen Zeitraum von 33
Jahren brachte für erwachsene Kinder aus Suchtfamilien in 28% der Fälle eine Diagnose für Alkoholabhängigkeit. Männer
mit einen alkoholabhängigen Vater hatten mehr als doppelt so häufig eine Alkoholabhängigkeit als Männer ohne abhängigen
Vater.
Man geht dabei heute von einer "doppelten Vererbung" aus. Einerseits spielt sicher die genetische Veranlagung eine Rolle.
Mindestens so wichtig ist aber auch das Erlernen von Suchtverhalten. So geben Eltern ihr Erbe gleich doppelt an die
Kinder weiter.
Kinder aus alkoholbelasteten Familien stellen also eine Risikogruppe dar. Das Risiko für Kinder, selbst an einer
Alkoholstörung zu erkranken, ist bis zum Sechsfachen erhöht. Mehr als 30% von ihnen werden selbst im Laufe ihres Lebens
alkoholabhängig. Kinder aus alkoholbelasteten Familien stellen somit die größte Risikogruppe bezüglich der Entwicklung
von Suchtstörungen dar. Kinder alkoholkranker Eltern sind die größten bekannte Risikogruppe bezüglich der Entwicklung
von Suchtstörungen ab dem Jugendalter. Ihnen sollten daher besondere Anstrengungen im Bereich Früherkennung und
Frühintervention gelten. In der Praxis werden diese in ihrer Lebenssituation oft nicht erkannt und erhalten
dementsprechend keine frühzeitigen Hilfen.
| Quelle: Mit freundlicher Genehmigung von www.alkohol.schwarz-netz.de |
| | |