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Auch Angehörige werden von der Borderline-Dynamik nicht verschont. Ebenso
wie die Betroffenen selbst können auch sie in sehr starke Gefühle wie Liebe,
Abhängigkeit, Wut und Hass oder Enttäuschung geraten. Solch intensiven Gefühle machen einerseits den Reiz des Umgangs mit Borderline-Betroffenen aus, können die Angehörigen aber auch an den Rand der Verzweiflung
bringen.
Borderline ist letztlich eine Störung in der Beziehung des Betroffenen zu sich
selbst und zu den Menschen seiner Umgebung. Sie zeigt sich daher vor allem
in der Beziehung zu anderen Menschen. So haben Betroffene etwa eine starke
Angst davor, von Menschen verlassen zu werden, die ihnen wichtig sind.
Sie tun daher vieles, um dieses reale oder vorgestellte Verlassenwerden zu
vermeiden. Eine Betroffene reagiert mit starker Wut, wenn sie sich verlassen
fühlt. Eine andere weiss sich keinen Ausweg, als sich selber zu verletzen
oder einen Suizidversuch zu unternehmen. Sich selbst und die anderen auf
psychischer oder physischer Ebene zu verletzen, sind Verhaltensweisen der
Betroffenen unter denen viele Angehörige stark leiden. Sie fühlen sich häufig
verantwortlich dafür, dass es dem anderen gerade schlecht geht und sind sehr
bemüht, dem anderen bei der Lösung seiner Probleme zu helfen. Die Gefahr
ist gross, dass sich die Partner, Eltern oder Freunde selbst aus den Augen
verlieren und nur noch für den anderen da sind. Fachleute sprechen dann von
einer Co-abhängigen Beziehung, die sich z.B. dadurch auszeichnet, dass die
eigene Stimmung nur noch davon abhängt, wie es dem anderen gerade geht.
Angehörige leiden häufig unter starken Schuldgefühlen. Eltern fragen sich,
ob ihr Kind krank geworden ist, weil sie ihm nicht genügend Liebe gegeben
haben oder ihr Erziehungsstil falsch war. Partner oder Kolleginnen fragen
sich, ob ihr Verhalten die letzte Selbstverletzung ausgelöst hat. Vor allem
bei Suizidversuchen reagiert die Umgebung häufig mit Schuldgefühlen, auch
wenn dies fast immer vollkommen unbegründet ist. Schuldgefühle sind kein
guter Ratgeber. Sie binden die Angehörigen häufig auf eine ungute Art an den
Betroffenen und können Co-Abhängigkeit fördern.
Häufig entwickeln Angehörige auch das Gefühl, der Betroffenen würde absichtlich bestimmte Verhaltensweisen einsetzen, um die Menschen der
Umgebung zu einem gewünschten Verhalten zu bewegen. Sie fühlen sich
dann ausgespielt oder manipuliert, verlieren das Vertrauen oder werden
wütend. Diese Reaktionen sind sehr verständlich und nachvollziehbar. Ebenso
ist das Verhalten der Betroffenen nachvollziehbar, denn es entsteht häufig aus
einem Gefühl tiefer Hilflosigkeit. Wenn es etwa für eine Betroffene unerträglich
ist allein zu sein, dann wird sie bereit sein einiges zu tun, um diesen für sie
schrecklichen Zustand zu verhindern. Mit einem Suizidversuch zu drohen,
kann dann ein mögliches Verhalten sein, um sich vor dem Alleinsein zu
schützen. Für Angehörige ist es wichtig zu verstehen, warum sich der
Betroffene so verhält. Häufig können Betroffene in krisenfreien Zeiten gut über
ihr Erleben berichten, und die Verbindungsstücke schildern, die nötig sind, um
die Borderline-Sprache besser entschlüsseln zu können.
Wie können Angehörige einen guten Umgang finden?
Hilfreich ist eine Umgangsweise, die von Verständnis und klaren Grenzen
geprägt ist. Borderline-Betroffene leiden selbst am meisten unter ihren
Borderline-Verhaltensweisen, können sie aber in Krisensituationen häufig
nicht kontrollieren. Klare Grenzen sind wichtig, um sich und den Betroffenen
vor schädigendem Verhalten zu bewahren. Meist ist es in Krisensituationen
nicht möglich, die Konflikte im Gespräch zu lösen. Wut und Logik passen
nicht zusammen. Häufig ist es dann besser, sich als Angehöriger zunächst
zurückzuziehen und erst später die Probleme noch einmal anzusprechen.
Besteht die Gefahr, dass sich der Betroffene selber deutlich schädigt, ist
Hilfe von aussen nötig. Angehörige sollten sich nicht scheuen, in solchen
Situationen den Notarzt zu rufen oder den Betroffenen zu ermutigen, seinen
Therapeuten oder eine Klinik aufzusuchen. Immer wieder kommt es aber vor,
dass Betroffene und Angehörige bestimmte Symptome ganz unterschiedlich
beurteilen. Selbstverletzungen etwa werden von vielen Angehörigen als sehr
dramatisch erlebt, vor allem wenn sie erstmals davon erfahren. Viele Betroffene
hingegen akzeptieren sie als schlechte aber immerhin entlastende Möglichkeit,
um schwierige emotionale Zustände zum Abklingen zu bringen. Ist die Krise
vorbei, sollten Angehörige und Betroffenen besprechen, welcher Umgangsstil
bei einer erneuten Krise hilfreich ist. Sie können dann beispielsweise vereinbaren, wie sich der Angehörige verhalten sollte, wenn es zu bestimmten
Symptomen kommt oder wenn bestimmte Gefühle auftauchen. Dabei ist zu
beachten, dass die Symptome durch das Verhalten des Angehörigen nicht
noch gefördert werden sollten. Das passiert beispielsweise, wenn ein Partner
nur dann Zeit für seine Freundin hat, wenn es ihr schlecht geht und sie von
einem Selbstverletzungsdrang berichtet.
Quellen:
Andreas Knuf "Borderline-Die Krankheit verstehen und Hilfe finden", Schweizerische Stiftung Pro mente Sana
Marsha M. Linehan "Skills Training Manual for Treating Borderline Personality Disorders", Guilford Press, 1993
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