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«Ist Borderline vererbt? Wenn ich selbst Kinder bekomme, kriegen die dann
auch Borderline?» «Was habe ich nur in der Erziehung falsch gemacht, dass
meine Tochter krank geworden ist?» Betroffene und Angehörige fragen immer
wieder nach den Ursachen der Borderline-Störung. Sie möchten verstehen,
wie es dazu kommen konnte und dadurch Wege finden, um die Krankheit in
den Griff zu bekommen.
In den letzten Jahrzehnten wurden die Ursachen der Borderline-Störung sehr
intensiv beforscht. Dabei zeigte sich, dass ein sehr großer Teil der Betroffenen
in ihrer Kindheit schwere Traumata erlitten hatte. Sexuelle und körperliche
Gewalterfahrungen gehören dazu, aber auch Vernachlässigung oder frühe
Trennungen von den Eltern, etwa bei einem Todesfall. Aber nicht jeder
Mensch, der ein Trauma erlitten hat, entwickelt eine Borderline-Störung und
nicht jeder von Borderline Betroffene hat ein Trauma erlebt. Es muss daher
noch weitere Einflussfaktoren geben.
Vielfach wird heute angenommen, dass Borderline-Betroffene eine Veranlagung
für das Erleben sehr starker Emotionen mitbringen. Negative Gefühle wie
Traurigkeit oder Eifersucht werden ebenso wie positive Gefühle, etwa Freude
oder Liebe, sehr viel stärker erlebt, als es bei den meisten Menschen der Fall
ist. Ausserdem halten diese Gefühle bei den Betroffenen häufig sehr lange
an, so dass sie teilweise unerträglich werden. Viele der typischen Borderline-
Symptome sind dann Versuche der Betroffenen, ihre Gefühle doch wieder in
den Griff zu bekommen.
Heute gehen viele Forscher zudem davon aus, dass ein bestimmter
Verhaltensstil der Umgebung an der Entstehung der Borderline-Problematik
beteiligt ist. Betroffene wurden in ihrer Kindheit von ihrem sozialen Umfeld
in der Wahrnehmung ihrer Gefühle und Eindrücke oftmals nicht unterstützt
und bestätigt. Vielmehr wurde ihr Empfinden als falsch, übertrieben oder
unangemessen interpretiert. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn ein
Kind Angst empfindet und das auch ausdrückt, von den Eltern aber die
Rückmeldung bekommt, es könne gar nicht sein, dass es Angst habe.
Das Kind entwickelt so kein Vertrauen in die eigenen Gefühle. Ein solcher
Verhaltensstil wird als "invalidierendes Umfeld" bezeichnet und findet sich in
unterschiedlicher Ausprägung in jeder Familie. Wenn die Eltern selbst belastet
sind oder ihr Kind zu starker Emotionalität neigt, kann dieser Stil jedoch
verstärkt werden.
Borderline-Symptome besser verstehen
Wer direkt oder indirekt von der Borderline-Störung betroffen ist, fragt sich
nicht nur, wie diese Erkrankung überhaupt entstehen kann, sondern auch
wie es zu den einzelnen Symptomen kommen kann. Selbstverletzungen
oder plötzliche Stimmungswechsel wirken zunächst unverständlich und nicht
nachvollziehbar. Dabei machen eigentlich alle Borderline-Symptome Sinn,
sie sind nämlich oft der Versuch, belastende Erfahrungen zu bewältigen.
Die Borderline-Symptomatik ist also in gewisser Weise zunächst nicht das
Problem, sondern schon der Lösungsversuch des Betroffenen. Wer sich etwa
selber schneidet oder auf andere Art verletzt, tut das um unerträgliche Gefühle
in den Griff zu bekommen. Am Beispiel der Dissoziationen läßt sich dieser
Zusammenhang sehr gut zeigen: Dissoziationen sind Gefühle des Fremden, des
Unwirklichen oder des Aussteigens aus dem eigenen Körper. Menschen, die
schwere Missbrauchserfahrungen gemacht haben, entwickeln die Fähigkeit,
aus ihrem Körper "auszusteigen". Betroffene berichten etwa, dass sie mit viel
Abstand beobachtet haben, wie ihrem eigenen Körper Schmerzen zugefügt
wurde, ohne diese Schmerzen wirklich zu spüren. Dieses Aussteigen ist ein
sehr sinnvoller Versuch des Organismus, den Schmerz erträglich zu halten. Im
späteren Leben hält diese Neigung zur Dissoziation unter Umständen jedoch
an, das heisst die betroffene Person kann immer wieder in einen solchen
Zustand geraten. Nun ist dieser Zustand an sich häufig auch sehr unangenehm,
weil sich der betroffene Mensch gar nicht mehr spürt, neben sich steht und
den Kontakt zu seinen Wahrnehmungen verloren hat. Das wirksamste Mittel
gegen solche Dissoziationen sind Selbstverletzungen, meistens klingt das
Fremdheitserleben dann binnen kurzer Zeit ab. Dissoziationen sind also
der Versuch, ein ansonsten unerträgliches Trauma zu bewältigen und die
Selbstverletzungen wiederum dienen dazu, die Dissoziationen zu beenden.
In ähnlicher Weise haben die meisten Borderline-Symptome ihren Sinn, auch
wenn wir ihn heute teilweise noch nicht verstehen. Letztlich sind Borderline-Symptome also häufig sinnhafte Überlebensstrategien, die es den Betroffenen
überhaupt erst ermöglichten, schwere Belastungen und Traumaerfahrungen
zu ertragen.
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