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Ess-Störung
- das bedeutete in meinem Fall bulimische Magersucht, 16
Jahre, in denen Essen, Nichtessen und Essen loswerden mein Denken fast vollständig beherrscht haben.
 | Der Ort, an dem ich lebte, war kalt und einsam. Nur wenig Licht drang bis dorthin, merkwürdig verzerrt und
gebrochen, Wärme gab es kaum. Ich saß am Fuß einer hohen Mauer, unüberwindbar, dazu noch mit Ketten an sie gefesselt.
Wie war ich nur dahin gekommen? |
Die körperliche Entwicklung setzte bei mir sehr zeitig ein, ungeachtet
meiner seelischen Reife. Um sie irgendwie zu stoppen, hatte ich mit Eintritt der Pubertät bereits mehrere
"Diäten" hinter mir, die aus rigoroser Essenseinschränkung und massiver Bewegung bestanden, bis ich das mir
selbst verordnete Gewicht erreicht hatte. Dabei war ich grundsätzlich darauf bedacht, es jedem recht zu machen - immer
fröhlich, angepasst, rücksichtsvoll, eine fleißige Schülerin mit sehr guten Noten.
| Damals hatte ich diese Mauer selbst errichtet, immer, wenn ich Angst
hatte, konnte ich mich in ihren Schatten flüchten und niemand konnte mir etwas antun. Doch mit der Zeit wurde sie höher
als beabsichtigt, und so war ich froh, eines Tages einen schön schillernden Ballon zu finden. |
Zum tatsächlichen Ausbruch kam es während eines Austauschjahres in den
USA, der Anlass war Thanksgiving. Nach diesem Festessen war ich so abgefüllt, dass ich mich zum Erbrechen zwang - und
feststellte, wie großartig diese "Diät" ist. Wie fast jeder Austauschschüler hatte ich bereits eine Menge
zugenommen und war so in der Lage, ohne die Gefühle meiner Gasteltern zu verletzen, "überflüssige" Kalorien
wieder loszuwerden. Anfangs kostete es erhebliche Überwindung, mich nach jedem Essen zu übergeben, aber nach einiger
Zeit wurde selbst das zur Routine. Aufkommende Schuld- und Schamgefühle konnte ich schnell unterdrücken, viel wichtiger
war, das Gewicht zu reduzieren.
So kam ich kilomäßig einigermaßen restauriert wieder in Berlin an, doch
jetzt einfach aufhören? Einige Pfunde ließen sich doch bestimmt noch loswerden! So ging das Spiel weiter.
Der Ballon
| Er verschwieg mir seinen Namen, aber er versprach, mir eine Hilfe zu
sein, er würde mich tragen und mir Schwierigkeiten aus dem Weg räumen, wenn ich ihn nur aufblasen und vor mir hertragen
würde. Seine weiche, runde Form würde jeden Aufprall abfangen und kaum einer würde sich an ihm stoßen. - Es sei nur
nötig, Ketten anzulegen, zur Sicherheit ... |
Ich hatte bereits bemerkt, dass sich da irgend etwas verselbständigte
in mir, aber ich war nicht bereit, mich von meiner "Methode" zu trennen. Essen wurde ein Freund, der mich
tröstete und beruhigte - gleichzeitig ein Feind, der meinen Körper verunstaltete. Weder meine Eltern noch später mein
Mann bemerkten etwas - trotz engster Lebensgemeinschaft; das war Meins, es gehörte ganz allein mir.
| Heute kenne ich seinen Namen, er heißt
"Menschenfürchter". |
Jetzt war zum ersten Mal etwas von der Schere zu spüren, die sich immer
weiter öffnete, auf der einen Seite der Stolz auf die perfekte Kontrolle über mein Gewicht, auf der anderen Seite die
ungeheure Scham über die Gier, die Verschwendung und die Sucht.
| Er wuchs und zwängte mich zwischen sich und die Mauer. Das sei wohl
der Preis, sagte er. Einmal gab es noch eine Zeit, dass ihm die Luft wegblieb, und ich die Möglichkeit hatte, trotz der
Mauer ans Licht zu kommen - aber bald gewann er wieder die Oberhand und die Wärme des Lichts war nur mehr eine
Erinnerung, die ich tief in mir bewahrte. |
Als ich mich kurze Zeit nach meiner Rückkehr für ein Leben mit Christus
entschied, war es weniger meine Schuld, die mich überführte, sondern die schlichte Erkenntnis, dass das, was dieser
Mann dort vorne erzählt und was dieses alte Buch seit Jahrhunderten beschreibt, die Wahrheit ist! Da war der Sinn
meines Daseins, da war mehr: ein Ziel, Hoffnung, Freiheit, Liebe - das Ende der Einsamkeit!
Ich war davon überzeugt und versuchte so zu leben, aber mein Glaube blieb merkwürdig leer, irgendwie beziehungslos. Ich
kannte wohl Christen, die einen lebendigen Glauben bezeugten, aber das erschien mir unerreichbar und auch ziemlich
unglaubwürdig.
So verging die Zeit, der Ballon übernahm mein Leben und dehnte sich aus, immer weiter, bis mir die Luft zum Atmen
fehlte ...
Spirale abwärts
Ich arbeitete nun wieder an meiner eigenen Vervollkommnung nach außen hin: die perfekte Ehefrau, treusorgende Mutter,
alles unter Kontrolle - wenn bloß die Fassade hält!
Innerlich verachtete ich mich, empfand mich als lieblos und kalt, den Zugang zu meinen Gefühlen hatte ich inzwischen
verloren. Was andere als Ausgeglichenheit schätzten, war in Wahrheit die Abwesenheit von Emotionen bis hin zur
Schmerzunempfindlichkeit. Ich litt darunter - warum half mir mein Glaube nicht? Ganz einfach: Ich traute Gott wohl zu,
mich aus meinem Gefängnis befreien zu können, aber ich hatte nicht den Mut, ihn darum zu bitten - was, wenn er nicht
hörte? Und was - noch schlimmer - wenn er hört? Dann hätte ich ja nicht mehr die Kontrolle! So blieb ich gefangen in
festgefahrenen Denkmustern, hatte panische Angst vor dem "Dickwerden" und geriet immer fester in die abwärts
führende Spirale aus Scham und Angst.
Irgendwann hatte ich meinen Eltern, meinem Mann und einigen Freunden
von meinem "Problem" erzählt und die Erfahrung gemacht, dass sie sich nicht angeekelt wegdrehten. Aber sie
standen hilflos und überfordert daneben.
Aber Gott gab nicht auf - ab und an erreichte er mich doch. Zunächst durch das Buch von Dorsette Constam "Befreiung
aus dem Hungerturm", das mir den Druck nahm, mich allein mit dem Problem zu fühlen und viele Hintergründe
aufdeckte. Später durch den Lehrgang einer Pflegeelternschule und die damit verbundenen ersten Kontakte zu Therapeuten.
| ... endlich musste ich um Hilfe rufen - nur ein Flüstern war zu
hören. |
Gebet um Hilfe
In dieser Zeit waren wir in wechselnden Gemeinden, die alle - natürlich - meinen Hunger nach Liebe, Annahme und
Beziehung nicht zu stillen vermochten, gleichzeitig aber durch ihre Struktur meinem Streben nach Perfektion Nahrung
gaben. Schließlich wagten wir den Schritt in die Gemeinde, die unserem Wohnort am nächsten ist. Wir wurden warmherzig
und vorurteilsfrei empfangen, und ich fand dort nach einiger Zeit den Boden und das Vertrauen, erstmalig nach Hilfe zu
fragen - gleichzeitig fand die Hilfe mich!
| Aber die Liebe hatte schon lange nur darauf gewartet. Sie setzte sich
neben mich und blieb einfach dort, umfing mich mit ihrer Wärme und hörte mir zu, weinte meine Tränen, zu denen ich
längst nicht mehr in der Lage war. Sie weckte in mir die Sehnsucht nach Leben und zeigte mir, dass ich die Ketten all
die Jahre selbst festgehalten hatte. Zusammen mit ihr wagte ich, sie abzustreifen ... |
Nach 16 Jahren Bulimie - 15 Jahre davon als Christ - ging Gott den
ersten konkreten Schritt mit mir: Nach geraumer Zeit der Seelsorgearbeit war ich endlich bereit, ihn selbst handeln zu
lassen. Nach einem Gebet um Heilung befreite er mich von den quälenden Symptomen. Aber Gott wäre nicht Gott, wenn er
nicht vorhätte, uns ganz heil zu machen. Ich hatte immer gedacht: "Wenn nur das Problem mit dem Essen nicht wäre,
dann hättest du doch überhaupt keine Probleme ..." Jetzt aber spürte ich die Zwänge und Ängste ganz deutlich, die
viele Jahre lang nur überlagert waren - die erhoffte Freiheit schien meilenweit entfernt.
| ... und die Liebe nahm mich in ihre Arme und trug mich, langsam und
behutsam, dem Licht entgegen. |
Der Thron
Einige Zeit später hatte ich ein Bild von einer hohen Mauer, die rings um mein Herz stand, eine wunderschöne,
prachtvolle Mauer zwar, die dennoch ihren Zweck zu schützen, aber auch zu isolieren, perfekt erfüllte. Auf der anderen
Seite der Mauer waren unerreichbare Dinge wie Nähe, Annahme, Liebe - auch das Kreuz mit den Worten: "Du bist
wertvoll in meinen Augen" stand außerhalb. Die Mauer wurde von einer unsichtbaren Quelle gewartet, gepflegt und
höhergezogen - und ich saß verzweifelt und fragend davor.
In einem zweiten Bild wurde mir auf einmal die Quelle deutlich:
Inmitten der Mauer stand ein großer Thron, getragen von Rebellion gegen Gott, gestützt von Stolz und Dominanz und
bewirtet von Neid und Gier. Auf dem Thron saß ich - der Teil von mir, den ich immer so gut vor anderen und mir selbst
versteckt hatte. Dieses Ich wollte unabhängig bleiben, alleine stark sein und stolz sein auf seine Leistung.
Niemanden nötig haben und nie mehr verletzt werden - das war das Ziel.
Aber der Preis dafür ist hoch, denn innerhalb dieser prachtvollen Mauern stirbt alles Lebendige ... Obwohl schon viele
Jahre Christ, erlebte ich jetzt zum ersten Mal, was die Bibel "Sündenerkenntnis" nennt! Zum ersten Mal sah
ich klar die Dinge, die mich von Gott trennten und konnte sie im Gebet vor ihn bringen und mir Vergebung zusprechen
lassen. Ich weiß und glaube, dass in diesem Moment mein Thron vom Kreuz zertrümmert wurde. Das Kreuz steht nicht mehr
außerhalb der Mauer.
Das war der zweite konkrete Schritt, den Gott mit mir ging.
| Der Ballon zerbarst und ich erschrak furchtbar, als ich mich das erste
Mal ohne ihn sah, so schmutzig und voller Kratzer. Ich wollte zurück, mich wieder verstecken, aber die Liebe hielt
mich, nahm mir meine verdreckten Sachen, wusch meine Wunden, strich Salbe darauf und zog mir neue, schöne Kleider
an. |
Schritte gehen
Im Moment bin ich dabei, nach den Ursachen zu forschen, die mich bewogen haben, einen solchen Panzer aufzubauen. Ich
staune darüber, wie barmherzig Gott vorgeht, wie geduldig und liebevoll! Nach und nach wird eine Lügenschicht nach der
anderen abgetragen - gerade soviel, wie ich aushalte. Ich kann die offenbarten Wunden in sein Licht halten und mich von
ihm berühren und heilen lassen. Ich darf der verlorenen Kindheit nachtrauern - und weiß gleichzeitig, dass er allen
Mangel ausfüllen wird, und ich vor ihm geliebtes Kind bleiben werde. Endlich kann ich seine Nähe zulassen und brauche
mich nicht mehr ängstlich zu verstecken.
Mir ist bewusst, dass ich in Situationen, die mich verletzen oder
überfordern, gelegentlich vermutlich wieder mit chaotischem Essverhalten reagieren werde. Aber das allein ist keine
Sünde und wird mich nicht von Gott trennen, wenn ich lerne, ihm rückhaltlos und ohne Scheu alles zu erzählen und mich
von ihm tragen, trösten oder auch korrigieren zu lassen.
Ich will auch die letzte Distanz, die ich zu Gott-Vater noch halte,
ausräumen und in seine Arme laufen, denn ich weiß, dass er nur darauf wartet, mich zu empfangen und mir wohl zu tun,
mich in seine Arme zu nehmen und mich trotz oder gerade wegen all meiner Menschlichkeit unglaublich zu lieben.
| Nun sind wir zusammen auf dem Weg zur Quelle allen Lichts und aller
Wärme. Die Mauer haben wir fast hinter uns gelassen, Fetzen des Ballons begegnen mir noch häufig und machen mir
Vorwürfe, aber die Liebe ruft mich zu sich und zeigt auf die Tür, hinter der der Festsaal leuchtet und wunderbare Musik
ertönt. Dort wartet der eine, der mich seit jeher kennt, auf mich, sein Kind. |
Seitdem
sind drei Jahre vergangen. Die nächsten konkreten Schritte
musste ich selbst tun: Der erste hieß Vergebung. Er kostete mich große Überwindung, aber ich staune heute noch, wie
viel Heilung er bewirkte - bei mir selbst (auch körperlich), bei meinem Gegenüber, in unserer Beziehung.
Der nächste hieß Kontrolle abgeben (auch die Waage!), Loslassen, Vertrauen ... und erleben, welche Freiheit dort ist,
wo ich nicht mehr angstvoll darauf achten muss, wie ich wirke, aussehe, ankomme, sondern einfach ich selbst sein kann.
Der jüngste Schritt war nach Hause kommen und sich auf Papas Schoß setzen. Auch das setzte meine Entscheidung voraus -
von Gottes Seite war alles längst geklärt.
Heute fühle ich mich wohl in meiner Haut - das erste Mal seit meiner Kinderzeit. Ich bin begeistert, wie reich und bunt
mein Leben geworden ist!
Birgit Lubig
ist Hausfrau und Mutter von sechs eigenen und einem angenommenen Kind. Sie wohnt mit ihrer Familie in
Berlin. |
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