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Essstörungen
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Birgit Lubig über ihren
Weg aus der Bulimie
BULIMIE:
Zusammenfassung und ÜbersichtUrsachenHäufigkeit und DiagnoseSymptomeTherapieKomplikationenErfahrungsberichte
  • Birgit Lubig
  • Christine WichtLebensgeschichte: «Steffi - Gefangen in mir selbst»

  • GESCHICHTEN
    KURZGESCHICHTE
    Sonntag 7.9.2008
    FREI SEIN ? !

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    Ess-Störung - das bedeutete in meinem Fall bulimische Magersucht, 16 Jahre, in denen Essen, Nichtessen und Essen loswerden mein Denken fast vollständig beherrscht haben.
    Der Ort, an dem ich lebte, war kalt und einsam. Nur wenig Licht drang bis dorthin, merkwürdig verzerrt und gebrochen, Wärme gab es kaum. Ich saß am Fuß einer hohen Mauer, unüberwindbar, dazu noch mit Ketten an sie gefesselt. Wie war ich nur dahin gekommen?
    Die körperliche Entwicklung setzte bei mir sehr zeitig ein, ungeachtet meiner seelischen Reife. Um sie irgendwie zu stoppen, hatte ich mit Eintritt der Pubertät bereits mehrere "Diäten" hinter mir, die aus rigoroser Essenseinschränkung und massiver Bewegung bestanden, bis ich das mir selbst verordnete Gewicht erreicht hatte. Dabei war ich grundsätzlich darauf bedacht, es jedem recht zu machen - immer fröhlich, angepasst, rücksichtsvoll, eine fleißige Schülerin mit sehr guten Noten.
    Damals hatte ich diese Mauer selbst errichtet, immer, wenn ich Angst hatte, konnte ich mich in ihren Schatten flüchten und niemand konnte mir etwas antun. Doch mit der Zeit wurde sie höher als beabsichtigt, und so war ich froh, eines Tages einen schön schillernden Ballon zu finden.
    Zum tatsächlichen Ausbruch kam es während eines Austauschjahres in den USA, der Anlass war Thanksgiving. Nach diesem Festessen war ich so abgefüllt, dass ich mich zum Erbrechen zwang - und feststellte, wie großartig diese "Diät" ist. Wie fast jeder Austauschschüler hatte ich bereits eine Menge zugenommen und war so in der Lage, ohne die Gefühle meiner Gasteltern zu verletzen, "überflüssige" Kalorien wieder loszuwerden. Anfangs kostete es erhebliche Überwindung, mich nach jedem Essen zu übergeben, aber nach einiger Zeit wurde selbst das zur Routine. Aufkommende Schuld- und Schamgefühle konnte ich schnell unterdrücken, viel wichtiger war, das Gewicht zu reduzieren.
    So kam ich kilomäßig einigermaßen restauriert wieder in Berlin an, doch jetzt einfach aufhören? Einige Pfunde ließen sich doch bestimmt noch loswerden! So ging das Spiel weiter.

    Der Ballon
    Er verschwieg mir seinen Namen, aber er versprach, mir eine Hilfe zu sein, er würde mich tragen und mir Schwierigkeiten aus dem Weg räumen, wenn ich ihn nur aufblasen und vor mir hertragen würde. Seine weiche, runde Form würde jeden Aufprall abfangen und kaum einer würde sich an ihm stoßen. - Es sei nur nötig, Ketten anzulegen, zur Sicherheit ...
    Ich hatte bereits bemerkt, dass sich da irgend etwas verselbständigte in mir, aber ich war nicht bereit, mich von meiner "Methode" zu trennen. Essen wurde ein Freund, der mich tröstete und beruhigte - gleichzeitig ein Feind, der meinen Körper verunstaltete. Weder meine Eltern noch später mein Mann bemerkten etwas - trotz engster Lebensgemeinschaft; das war Meins, es gehörte ganz allein mir.
    Heute kenne ich seinen Namen, er heißt "Menschenfürchter".
    Jetzt war zum ersten Mal etwas von der Schere zu spüren, die sich immer weiter öffnete, auf der einen Seite der Stolz auf die perfekte Kontrolle über mein Gewicht, auf der anderen Seite die ungeheure Scham über die Gier, die Verschwendung und die Sucht.
    Er wuchs und zwängte mich zwischen sich und die Mauer. Das sei wohl der Preis, sagte er. Einmal gab es noch eine Zeit, dass ihm die Luft wegblieb, und ich die Möglichkeit hatte, trotz der Mauer ans Licht zu kommen - aber bald gewann er wieder die Oberhand und die Wärme des Lichts war nur mehr eine Erinnerung, die ich tief in mir bewahrte.
    Als ich mich kurze Zeit nach meiner Rückkehr für ein Leben mit Christus entschied, war es weniger meine Schuld, die mich überführte, sondern die schlichte Erkenntnis, dass das, was dieser Mann dort vorne erzählt und was dieses alte Buch seit Jahrhunderten beschreibt, die Wahrheit ist! Da war der Sinn meines Daseins, da war mehr: ein Ziel, Hoffnung, Freiheit, Liebe - das Ende der Einsamkeit!
    Ich war davon überzeugt und versuchte so zu leben, aber mein Glaube blieb merkwürdig leer, irgendwie beziehungslos. Ich kannte wohl Christen, die einen lebendigen Glauben bezeugten, aber das erschien mir unerreichbar und auch ziemlich unglaubwürdig.
    So verging die Zeit, der Ballon übernahm mein Leben und dehnte sich aus, immer weiter, bis mir die Luft zum Atmen fehlte ...

    Spirale abwärts
    Ich arbeitete nun wieder an meiner eigenen Vervollkommnung nach außen hin: die perfekte Ehefrau, treusorgende Mutter, alles unter Kontrolle - wenn bloß die Fassade hält!
    Innerlich verachtete ich mich, empfand mich als lieblos und kalt, den Zugang zu meinen Gefühlen hatte ich inzwischen verloren. Was andere als Ausgeglichenheit schätzten, war in Wahrheit die Abwesenheit von Emotionen bis hin zur Schmerzunempfindlichkeit. Ich litt darunter - warum half mir mein Glaube nicht? Ganz einfach: Ich traute Gott wohl zu, mich aus meinem Gefängnis befreien zu können, aber ich hatte nicht den Mut, ihn darum zu bitten - was, wenn er nicht hörte? Und was - noch schlimmer - wenn er hört? Dann hätte ich ja nicht mehr die Kontrolle! So blieb ich gefangen in festgefahrenen Denkmustern, hatte panische Angst vor dem "Dickwerden" und geriet immer fester in die abwärts führende Spirale aus Scham und Angst.

    Irgendwann hatte ich meinen Eltern, meinem Mann und einigen Freunden von meinem "Problem" erzählt und die Erfahrung gemacht, dass sie sich nicht angeekelt wegdrehten. Aber sie standen hilflos und überfordert daneben.
    Aber Gott gab nicht auf - ab und an erreichte er mich doch. Zunächst durch das Buch von Dorsette Constam "Befreiung aus dem Hungerturm", das mir den Druck nahm, mich allein mit dem Problem zu fühlen und viele Hintergründe aufdeckte. Später durch den Lehrgang einer Pflegeelternschule und die damit verbundenen ersten Kontakte zu Therapeuten.
    ... endlich musste ich um Hilfe rufen - nur ein Flüstern war zu hören.

    Gebet um Hilfe
    In dieser Zeit waren wir in wechselnden Gemeinden, die alle - natürlich - meinen Hunger nach Liebe, Annahme und Beziehung nicht zu stillen vermochten, gleichzeitig aber durch ihre Struktur meinem Streben nach Perfektion Nahrung gaben. Schließlich wagten wir den Schritt in die Gemeinde, die unserem Wohnort am nächsten ist. Wir wurden warmherzig und vorurteilsfrei empfangen, und ich fand dort nach einiger Zeit den Boden und das Vertrauen, erstmalig nach Hilfe zu fragen - gleichzeitig fand die Hilfe mich!
    Aber die Liebe hatte schon lange nur darauf gewartet. Sie setzte sich neben mich und blieb einfach dort, umfing mich mit ihrer Wärme und hörte mir zu, weinte meine Tränen, zu denen ich längst nicht mehr in der Lage war. Sie weckte in mir die Sehnsucht nach Leben und zeigte mir, dass ich die Ketten all die Jahre selbst festgehalten hatte. Zusammen mit ihr wagte ich, sie abzustreifen ...
    Nach 16 Jahren Bulimie - 15 Jahre davon als Christ - ging Gott den ersten konkreten Schritt mit mir: Nach geraumer Zeit der Seelsorgearbeit war ich endlich bereit, ihn selbst handeln zu lassen. Nach einem Gebet um Heilung befreite er mich von den quälenden Symptomen. Aber Gott wäre nicht Gott, wenn er nicht vorhätte, uns ganz heil zu machen. Ich hatte immer gedacht: "Wenn nur das Problem mit dem Essen nicht wäre, dann hättest du doch überhaupt keine Probleme ..." Jetzt aber spürte ich die Zwänge und Ängste ganz deutlich, die viele Jahre lang nur überlagert waren - die erhoffte Freiheit schien meilenweit entfernt.
    ... und die Liebe nahm mich in ihre Arme und trug mich, langsam und behutsam, dem Licht entgegen.

    Der Thron
    Einige Zeit später hatte ich ein Bild von einer hohen Mauer, die rings um mein Herz stand, eine wunderschöne, prachtvolle Mauer zwar, die dennoch ihren Zweck zu schützen, aber auch zu isolieren, perfekt erfüllte. Auf der anderen Seite der Mauer waren unerreichbare Dinge wie Nähe, Annahme, Liebe - auch das Kreuz mit den Worten: "Du bist wertvoll in meinen Augen" stand außerhalb. Die Mauer wurde von einer unsichtbaren Quelle gewartet, gepflegt und höhergezogen - und ich saß verzweifelt und fragend davor.

    In einem zweiten Bild wurde mir auf einmal die Quelle deutlich: Inmitten der Mauer stand ein großer Thron, getragen von Rebellion gegen Gott, gestützt von Stolz und Dominanz und bewirtet von Neid und Gier. Auf dem Thron saß ich - der Teil von mir, den ich immer so gut vor anderen und mir selbst versteckt hatte. Dieses Ich wollte unabhängig bleiben, alleine stark sein und stolz sein auf seine Leistung.

    Niemanden nötig haben und nie mehr verletzt werden - das war das Ziel. Aber der Preis dafür ist hoch, denn innerhalb dieser prachtvollen Mauern stirbt alles Lebendige ... Obwohl schon viele Jahre Christ, erlebte ich jetzt zum ersten Mal, was die Bibel "Sündenerkenntnis" nennt! Zum ersten Mal sah ich klar die Dinge, die mich von Gott trennten und konnte sie im Gebet vor ihn bringen und mir Vergebung zusprechen lassen. Ich weiß und glaube, dass in diesem Moment mein Thron vom Kreuz zertrümmert wurde. Das Kreuz steht nicht mehr außerhalb der Mauer.
    Das war der zweite konkrete Schritt, den Gott mit mir ging.
    Der Ballon zerbarst und ich erschrak furchtbar, als ich mich das erste Mal ohne ihn sah, so schmutzig und voller Kratzer. Ich wollte zurück, mich wieder verstecken, aber die Liebe hielt mich, nahm mir meine verdreckten Sachen, wusch meine Wunden, strich Salbe darauf und zog mir neue, schöne Kleider an.

    Schritte gehen
    Im Moment bin ich dabei, nach den Ursachen zu forschen, die mich bewogen haben, einen solchen Panzer aufzubauen. Ich staune darüber, wie barmherzig Gott vorgeht, wie geduldig und liebevoll! Nach und nach wird eine Lügenschicht nach der anderen abgetragen - gerade soviel, wie ich aushalte. Ich kann die offenbarten Wunden in sein Licht halten und mich von ihm berühren und heilen lassen. Ich darf der verlorenen Kindheit nachtrauern - und weiß gleichzeitig, dass er allen Mangel ausfüllen wird, und ich vor ihm geliebtes Kind bleiben werde. Endlich kann ich seine Nähe zulassen und brauche mich nicht mehr ängstlich zu verstecken.

    Mir ist bewusst, dass ich in Situationen, die mich verletzen oder überfordern, gelegentlich vermutlich wieder mit chaotischem Essverhalten reagieren werde. Aber das allein ist keine Sünde und wird mich nicht von Gott trennen, wenn ich lerne, ihm rückhaltlos und ohne Scheu alles zu erzählen und mich von ihm tragen, trösten oder auch korrigieren zu lassen.

    Ich will auch die letzte Distanz, die ich zu Gott-Vater noch halte, ausräumen und in seine Arme laufen, denn ich weiß, dass er nur darauf wartet, mich zu empfangen und mir wohl zu tun, mich in seine Arme zu nehmen und mich trotz oder gerade wegen all meiner Menschlichkeit unglaublich zu lieben.
    Nun sind wir zusammen auf dem Weg zur Quelle allen Lichts und aller Wärme. Die Mauer haben wir fast hinter uns gelassen, Fetzen des Ballons begegnen mir noch häufig und machen mir Vorwürfe, aber die Liebe ruft mich zu sich und zeigt auf die Tür, hinter der der Festsaal leuchtet und wunderbare Musik ertönt. Dort wartet der eine, der mich seit jeher kennt, auf mich, sein Kind.
    Seitdem sind drei Jahre vergangen. Die nächsten konkreten Schritte musste ich selbst tun: Der erste hieß Vergebung. Er kostete mich große Überwindung, aber ich staune heute noch, wie viel Heilung er bewirkte - bei mir selbst (auch körperlich), bei meinem Gegenüber, in unserer Beziehung.
    Der nächste hieß Kontrolle abgeben (auch die Waage!), Loslassen, Vertrauen ... und erleben, welche Freiheit dort ist, wo ich nicht mehr angstvoll darauf achten muss, wie ich wirke, aussehe, ankomme, sondern einfach ich selbst sein kann. Der jüngste Schritt war nach Hause kommen und sich auf Papas Schoß setzen. Auch das setzte meine Entscheidung voraus - von Gottes Seite war alles längst geklärt.
    Heute fühle ich mich wohl in meiner Haut - das erste Mal seit meiner Kinderzeit. Ich bin begeistert, wie reich und bunt mein Leben geworden ist!
    Birgit Lubig
    ist Hausfrau und Mutter von sechs eigenen und einem angenommenen Kind. Sie wohnt mit ihrer Familie in Berlin.

    Quelle: Aus "JOYCE", Catharinenstr. 2, D-27472 Cuxhaven / www.joycenet.de


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