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In erster Annäherung ist die Esoterik der Versuch des Menschen, mit dem
Bauch zu denken oder mit der Seele zu erkennen. Esoteriker orientieren sich nicht am Normalverstand und an der
Normalwissenschaft, die die Normalwelt bis zu den grössten Errungenschaften des menschlichen Geistes geführt hat. Der
Normalverstand, der sich gerne an das irgendwie Berechenbare hält, muss einer seelennäheren, nur scheinbar viel
unsicheren, für esoterisches Empfinden allein zuverlässigen Erkenntnisweise Platz machen: der Erkenntnis durch
Bewusstseinswandel, der Einsicht aufhöheren oder tieferen Stufen des menschlichen Bewusstseins. Wer sein Bewusstsein
verändert, findet - so die esoterische Annahme - zur geistigen Wesensschau, ins spirituelle Erfühlen.
Diese Wesensschau und dieses Erfühlen können und sollen geweckt und
geübt werden. Esoterische Workshops, Rituale und Meditationen, die Trommeln der neuen Schamanen, die Mandalas der neuen
Buddhas, die Übungen in persönlicher Trance verstehen sich als erste Schritte zu einer transrationalen Erkenntnisweise.
Je intensiver die Trance oder die im Ritual erreichte Ekstase, desto offenkundiger wird auch der Bewusstseinswandel und
desto überzeugender die Reise durch die innere Wirklichkeit.
Auch wiederholte Schulung und intensive Rituale bringen aber viele
Esoteriker nicht über ein unsicheres Erahnen oder phantasievolles Intuieren hinaus. Wie kann der Schüler auf
esoterischen Erkenntniswegen erkennen, ob das, was er erschaut, in der Tat das innere Geheimnis aller Dinge oder die
ewige geistige Welt ist, oder ob er nur eigenen Tagträumen nachrennt? Die Esoterik beantwortet diese Frage zumeist mit
Hinweis auf das durch die Kursleiter oder Schulhäupter Erschaute. Wenn meine unsichere Erkenntnis mit dem
übereinstimmt, was die Reiseleiter auf dem Weg in die innere Wirklichkeit erschauen, dann und nur dann war mein Weg ins
geheimnisvolle Wesen aller Dinge nicht bloss ein Ausflug ins Reich meiner eigenen Phantasie. Mit anderen Worten: Auch
wenn die Esoterik jeden Wanderer auf dem Weg in die geistige Welt auf die eigenen Füsse stellt, führen diese Wege nicht
selten entweder in wahnhafte Überwirklichkeiten oder in unkritische Meisterbindung. (Wahn nennen wir Einsichten in
Wirklichkeiten, die der Erkennende nur noch sich selbst vermitteln kann.)
Die speziellste und in ihren Konsequenzen absurdeste Ausprägung
einfühlsamer esoterischer Erkenntnis ist das sog. Channeling. Ich lasse mich in Trance oder trancenahe
Entspannung gleiten und deute dann alles, was sich als Gedanke oder Bild in mir meldet, als Eingebung aus der inneren
Wirklichkeit oder der geistigen Welt. Channeling kann eine Gruppe nur dort zur spirituellen Gemeinschaft verbinden, wo
solche Eingebungen kommunizierbar werden. Kommunizierbar ist aber nur das irgendwie in allen Anklingende. Am meisten
klingt in allen an, was der Meister oder die Meisterin channelt. Fast zwangsläufig werden Meister oder Meisterin zum
namhaften Kanal zur geistigen Welt. In Abhängigkeiten eigener Art führt oft die esoterische Mantik (Zukunftsschau). Aus
allen nur möglichen, nur scheinbar zufälligen Umständen heraus, vom Horoskop über die Tarotkarten bis zum Lesen der
Handlinien und zu Experimenten mit dem I Ging, sucht Esoterik die Mauern zu durchbrechen, die das Kommende vom
Gegenwärtigen trennen. Wer sich einmal intensivesoterischer Zukunftsschau verschrieben hat, kann oft ohne entsprechende
Assistenz keine eigene Entscheidung mehr fällen.
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