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Weniger sektennah, aber nicht weniger folgenschwer in seiner Konsequenz ist der intuitive Umgang der Esoterik mit
religiösen Schriften, Lehren, Symbolen und Gestalten. Das einfühlende Erschauen erkennt überall Entsprechung, auch
dort, wo der Historiker überhaupt keine Zusammenhänge zu erkennen vermag. Esoterik sieht sich als uralte
Menschenweisheit, als Urreligion, verborgen in der menschlichen Seele, von offiziellen Religionen immer wieder verfolgt
aber nie besiegt. Das verborgene Wissen der alten Ägypter, die Magie der Mesopotamier, die Weisheiten des Hermes
Trismegistos (einer gnostischen Schriftgruppe aus hellenistisch-römischer Zeit), die Heilkünste der Schamanen, die
Weisheit der Indianer, die Erleuchtungen der Yogis und der tibetischen Meister, die Erkenntnisse Platos und Jakob
Böhmes, die Geheimnisse christlicher Mystik, das Christusverständnis des Johannesevangeliums, die Magie der Hexen, die
Weisheit der Zigeuner, die Geheimnisse der Rosenkreuzer und der Freimaurer - sie alle gelten als Abschnitte in einem
nie endenden Strom esoterischer Erkenntnis, einem Strom, der in unseren Tagen ins Meer der neuen, uralten Esoterik der
Gegenwart fliesst. Eine weniger intuitive, aber faktennähere Betrachtung der Geschichte der Esoterik setzt zu all
diesen intuitiven Gleichungen ihre Fragezeichen: Die sog. Hexen, die Schamanen, die Priester des alten Ägyptens würden
sich wundern, wenn sie wüssten, für was alles sie heute gerade stehen müssen.
Esoterik übersieht in ihrem
Geschichtsverständnis die unverwechselbaren Eigenheiten der Kulturen und der Jahrhunderte. Alles, was sich nicht in
ihre Einheitsschau fügt, kann sie als äussere Wirklichkeit mühelos übersehen. Auf echte, auch den kritischen Betrachter
überzeugende esoterische Tradition kann sich die Esoterik aber berufen, wenn sie auf Theosophie, Anthroposophie, C.G.
Jung und Osho/Bhagwan verweist. Ohne Helena Blavatskys geistige Weltbetrachtung und intuitiven Synkretismus und ohne
ihre aufwestliche Bedürfnisse zugeschnittene Karmalehre, ohne Rudolf Steiners Verwandlung des theosophischen Ansatzes
zum abendländischen höheren Erkenntnisweg und ohne das von C.G. Jung inspirierte Verständnis der menschlichen Seele als
Schatzkammer aller vergangenen Kulturen und Religionen wäre moderne Esoterik nur ein hilfloser Versuch, eigene
subjektive Ahnungen metaphysisch auszubeuten. Die erwähnten «Vordenkenr» geben zahllosen Esoterikerinnen und
Esoterikern das vermeintliche Recht, aus der wild gärenden eigenen Phantasie heraus Ewigkeit zu destillieren. Zur
Schülerschaft von Osho/Bhagwan Rajneesh gehörte einst aber ein beträchtlicher Teil der heutigen Anbieter auf dem
esoterischen spirituellen Markt. Osho als der wahrscheinlich kreativste Synkretist in der zweiten Hälfte des
20.Jahrhunderts verband die Mystik aller Religionen mit Therapieformen fast jeder Schulrichtung zu
Erleuchtungserfahrungen von einzigartiger Radikalität, Intensität und Meisterhörigkeit. Die Kombination von
Therapie und Mystik von Osho vorgelebt - wurde zu einem eigentlichen Charaktermerkmal der modernen Esoterik.
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