| v o n S u s a n n e H o h m e y e r - L i c h t b l a u
Elsa legt ihrem Mann Bernd die Hand auf die Schulter. Er schaut sie an und lächelt. Eine alltägliche Szene? Für andere Paare vielleicht, aber für diese beiden war solch eine Geste 30 Jahre lang undenkbar. Vor mehr als vierzig Jahren haben sie sich kennen gelernt - als Malergeselle Bernd das Wohnzimmer von Elsas Eltern renovierte. Es funkte sofort, Liebe auf den ersten Blick, Hochzeit 1962. Doch schnell merkte Elsa, dass etwas in ihrer Beziehung nicht stimmte. Wenn sie ihren Mann umarmen wollte, wich er aus, bei spontanen Berührungen zuckte er zusammen, wenn sie Zärtlichkeit wollte, wies er sie ab. Nur nicht über Gefühle reden - das war Bernds ungeschriebenes Gesetz. Wenn Elsa es doch versuchte, wurde er laut oder zog sich zurück, trank immer mehr Alkohol. Elsa verstand die Welt nicht mehr. Sie grübelte, was sie falsch gemacht hatte, war sich aber keiner Schuld bewusst. Sie war verletzt, fühlte sich zurückgesetzt und dachte: "Ich mache doch alles richtig, ich arbeite, kümmere mich um unsere vier Kinder und den Haushalt, ich gebe alles." Trotzdem fand er immer etwas zu bemängeln. Trotz der Krise dachte Elsa nicht an Trennung, obwohl ihr Mann immer öfter trank. Bernd wurde dann zwar nicht handgreiflich, aber wenn er getrunken hatte, hielt sich seine Frau von ihm fern. Irgendwann akzeptierte Elsa ihr Los, resignierte und wandte sich mit ihrer ganzen Liebe den Kindern zu. Diese erlebten einen Vater, der nicht für sie da war, einen Vater, an den sie mit Angst statt mit Liebe dachten. Mit der Zeit wandten sich auch die Kinder von Bernd ab, er war allein. Allein mit seinen Zweifeln, seiner Verunsicherung und mit seinen Gefühlen. | | Seite: 1 2 3 4 5 6 Index | weiter  |
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