| täglich von 6 bis 22 Uhr und auch an den Wochenenden. Als "Kriegsgeneration" hatten sie jetzt die Möglichkeit, sich etwas "aufzubauen".
Dass für meinen Bruder, der nach meinem Vater Engelbert hieß und "Berti" genannt wurde, damals keine Zeit übrig blieb, ist verständlich. Dazu kam, dass er von vornherein ein eher schwaches, kränkliches Kind war. Er hatte Probleme beim Stiegensteigen und beim Laufen. Die Ärzte sprachen von "Muskelschwund". Mit Schuleintritt ließen ihn meine Eltern in ein Internat einschreiben, um sicher zu gehen, dass er regelmäßiges Essen und ausreichende Betreuung bekam. Doch es müssen schlimme Zustände in diesem Internat geherrscht haben. Ein Speisesaal im Keller und das Essen so grauenhaft, dass Berti sich oft übergab. Einmal beobachtete er sogar, wie ein anderes Kind das Erbrochene essen musste. Endlich, nach dem ersten Schuljahr, ließ sich mein Vater erweichen, Berti wieder nach Hause zu holen.
Doch in der Pubertät stellte sich das nächste Problem heraus: Er hatte zu viele weibliche Hormone und musste unter Spott und Hohn der Mitschüler und "Freunde" leiden, Nach einer Operation an den Brüsten war dieses Problem beseitigt.
Nicht genug vom Unglück, passierte ihm im Frühsommer 1972 ein schrecklicher Unfall: Kollegen aus der Schule veranstalteten eine Auto-Rallye im westlichen Niederösterreich. Mein Bruder saß am Beifahrersitz, Gurte waren damals noch nicht verpflichtend vorgeschrieben. Plötzlich kam der Fahrer infolge überhöhter Geschwindigkeit von der Fahrbahn ab und das Auto stürzte 20 m in die Tiefe. Berti wurde durch die Windschutzscheibe aus dem Auto geschleudert und etlitt schwere Verletzungen. Beide Arme waren gebrochen und im Gesicht trug er tiefe Schnittwunden davon. Auch in die Augen waren Glassplitter gedrungen und so lag er viele Wochen im LKH St. Pölten mit eingegipsten Armen und verbundenen Augen. Nach einem Jahr, als das schlimmste Leid vergessen war, stellten Ärzte allerdings fest, dass das linke Auge von einer Infektion betroffen war, die auf das rechte Auge übergreifen würde, wenn man das erste nicht enrfernte. So ließ er auch diesen Eingriff über sich ergehen und lebte fortan mit einem Glasauge. | zurück | Seite: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 Index | weiter  |
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