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Donnerstag 17.5.2012Archiv

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Axel Kühner
Überlebensgeschichten für jeden Tag

Eine russische Legende erzählt von einer alten Frau, die sich in einer kalten Winternacht gerade anschickt, in ihr Bett am warmen Ofen zu kriechen, als es heftig an ihre Tür klopft. Sie hört einfach nicht drauf. Aber das Klopfen wird lauter und dringender. Schliesslich öffnet sie die Tür einen Spalt breit. Draussen stehen Hirten mit roten Gesichtern und Schnee in den Haaren.

Ihr langen Bärte sind ganz vereist, und aufgeregt erzählen sie der Frau von einem schönen Kind, das eben in dieser Nacht in einem armen Stall geboren wurde. «Komm schnell, Babuschka», betteln die Männer, «komm schnell, du kannst doch mit Kindern umgehen!» Die Babuschka schüttelt den Kopf. Zu warm ist die Stube. Zu kalt ist die Nacht. Zu wohlig ist das Bett, zu eisig der Wind. «Morgen», sagt die Frau, «morgen will ich kommen und nach dem Kind sehen!» Die Hirten ziehen wieder ab. Doch bald darauf klopfen sie noch mal an die Tür und bitten die Frau um einen Korb mit etwas Brot und Wasser. Sie wollen es selbst zu den Leuten im Stall bringen. «Morgen», sagt die Frau, «morgen will ich den Leuten etwas bringen.» Am nächsten Tag packt die Frau einen Korb mit Esssachen und kleinen Geschenken. Aber als sie ankommt, ist niemand mehr im Stall. Die Leute sind fort. Der Stall ist leer!

Jesus spricht: «Ich möchte heute dein Gast sein!»
(Lukas 19,5)
Gott rufet noch. Ob ich mein Ohr verstopfet,
er stehet noch an meiner Tür und klopfet;
er ist bereit, dass er mich noch empfange;
er wartet noch auf mich. Wer weiss, wie lang?
Gott locket mich; nun länger nicht verweilet!
Gott will mich ganz; nun länger nicht geteilet!
Fleisch, Welt, Vernunft, sag immer, was du willst,
meins Gottes Stimm mir mehr als deine gilt.

(Gerhard Tersteegen)

Quelle: Axel Kühner, Überlebensgeschichten für jeden Tag, Aussaat Verlag
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