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Okkultismus ist in seiner Grundlinie die Rückkehr des modernen
Geistes in die vorwissenschaftliche Weltsicht der Magie. Okkultisten sind irgendwie immer wissenschaftsverdrossen. Sie
versuchten, in der ihnen vorgezeigten vernünftigen Welt zu leben. Aber dieser Versuch misslang. Nun führen
sie ihre Intuition und ihr Erkenntnisdrang zurück in die Gefilde magischer Weltsicht und intuitiver Weltdeutung.
Das heisst nicht, dass der Okkultismus ein direkter Erbe der originalen, vorwissenschaftlichen Magie ist. Wer nach
Jahrhunderten eingeschulter Rationalität wieder in magische Welten taucht, taucht mehr in die in seiner Seele
verborgene Magie als in die Magie der heidnischen Vorfahren. Er bleibt in mancher Hinsicht ein moderner Geist, auch
wenn die moderne Vernunft ihm bleiern anhängt und er alle moderne Vernünftelei so rasch wie möglich
wegzaubern möchte. Er bleibt ein Mensch seiner modernen Zeit, auch wenn er jetzt altheidnische Rituale imitiert
und magische Formeln flüstert. Oft ist er gar ein so rettungslos der wissenschaftlichen Systematik verhafteter
Geist, dass er seine neue Magie zur detailierten Pseudowissenschaft aufpoliert, zu einer ausgefeilten und
durchorganisierten Geheimniskrämerei, zu einer irrationalen Schwester der modernen Wissenschaft und der rational
reflektierenden Theologie.
Dieses quasiwissenschaftliche Gehabe mancher Okkultisten zeigt aber nur
die tiefe Problematik moderner Magiesuche. Okkultisten haben alles Vertrauen in die vernünftig geordnete Welt der
wissenschaftlich geschulten Vernunft verloren. Die Welt ist nicht so, wie die Wissenschaft sie haben und beschreiben
möchte. Sie ist nicht vernünftige Ordnung. Sie ist bodenloses Chaos. Und der Mensch ist nicht so, wie ihn
schon die Griechen und Römer sahen, ein animal rationale, ein vernunftbegabtes Lebewesen. Der Mensch ist ein
Bündel irrationaler Kräfte, ein Abgrund wirrer Empfindungen und Triebe. Die Vernunft ist einerseits bloss die
manierlich geordnete Schauseite des menschlichen Geistes, nur die Geschäftsauslage, aber nicht das sich dahinter
verbergende Geschäft, und anderseits nur die nette Fassade der uns umgebenden Wirklichkeit, nur die Fronseite der
Häuserreihe, nicht ihr Hinterhof. Die Rückseite sieht hier und dort völlig anders aus. Allein die
moderne Vernunft, meint der Okkultist, weigert sich, in den Hinterhof zu steigen und die Rückseite des Geistes und
die Rückseite aller Dinge zu betrachten. Deshalb schlägt er, der Okkultist, einen der modernen Vernunft
widersprechenden Weg ein. Er bahnt sich einen Weg durch alle Hinterhöfe der Wirklichkeit und schaut der
Rückseite aller Dinge in einer seltsamen Verbindung von Ehrfucht, Lüsternheit und Entsetzen tapfer ins
Gesicht. Ja noch viel mehr - er pflegt zum Teil die rückseitige Weltbetrachtung mit einer Inbrunst , die jedem
Philosophen in seiner Bemühung um die vernünftige Welt wohl anstehen würde. Nicht jeder Wissenschaftler
pflegt seinen Beruf so leidenschaftlich wie der Okkultist als Berufung. Die meisten Okkultisten, auch wenn das gute
Geschäft mit den faszinierenden Schrecken den einen und anderen lockt, fühlen sich als Berufene und
überzeugen alle jene, die jeder Berufung mehr trauen als jedem Beruf. Das Schattenreich ruft. Die Rückseite
aller Dinge will beachtet werden. Die irrationale und dunkle Seite der Wirklichkeit fordert ihr Recht. Der Okkultist
hat ihren Ruf vernommen und opfert den Schatten, was den Schatten gebührt: Zuerst seine Freizeit, seine
Imagination und Phantasie, dann seine wissenschaftliche und oft auch seine persönliche Reputation, hie und da
sogar auch seine bisherigen Beziehungen und seinen angelernten Beruf. Okkultisten sind immer Outsider in der modernen
Welt, gerade auch dort, wo sie eine wackere Schar von Adepten um sich sammeln. Am Rande der modernen Gesellschaft aber
ist das Leben kein Sonntagsspaziergang. Da lebt es sich gefährlich. Manchmal opfert der Okkultist den ihn
bedrängenden Schatten vorübergehend oder unwiderruflich sogar die Klarheit seines Bewusstseins und damit auch
die Fähigkeit zu vernünftiger Kommunikation. Hie und da kommunizieren Okkultisten nur noch mit ihren eigenen
Schatten. Der Okkultist wird eins mit der Rückseite aller Dinge. Er ist - wie er selber gerne sagt - «Gott
geworden».
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Der Aussenstehende aber steht vor einem zu Gott gwordenen Menschen, den dieses
Gottsein völlig überfordert. Mit seiner Gottwerdung verlässt der Okkultist den Raum
kommunikationstauglicher Mitmenschlichkeit und verliert sich in der Einsamkeit eines gnadenlosen Wahns.
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