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«Tantrischer» - Okkultismus
OKKULTISMUS
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GESCHICHTEN
KURZGESCHICHTE
Donnerstag 21.8.2008
FREI SEIN ? !

Der Protest gegen eine zu hell und rational gezeichnete Welt und gegen eine heuchlerisch ordentliche Moral verliert dort zuerst seine Leidenschaft und anschliessend auch sein Recht, wo es ihm nur gelingt, am Gegenteil zur modernen Weltsicht festzuhalten. Alle ausgefeilteren okkulten Rituale und Vorstellungen führen über den blossen Protest hinaus. Sie lieben die Nacht nicht, weil sie dem Tag widerspricht. Sie versuchen Tag und Nacht miteinander zu versöhnen und zu verbinden. Sie dienen nicht dem Chaos, um die Ordnung zu vergessen. Sie möchten Chaos und Ordnung, Vernunft und Unvernunft, Gott und Gegengott, Engel und Dämon zu einer neuen, lebendigen und überzeugenden Einheit verbinden. Sie denken nicht kämpferisch dualistisch, sondern versöhnlich pantheistisch und tantrisch. Nicht zufällig inspiriert sich ein Teil des westlichen Okkultismus am indischen Tantra. Man will hier wie die drüben in jene Einheit finden, in der allein Gott erschaut und eigene Göttlichkeit erlebt werden kann. Erst wenn der Tantriker die Einheit der Gegensätze erschaut, erkennt er auch das Wesen des eigenen Geistes und das Wesen dieser Welt.

Im 19. Jahrhundert entfaltet sich nicht zuletzt als Reaktion auf die aufblühende Wissenschaftsgläubigkeit eine eigentliche Liebe zu einem immer offenkundiger tantrisch erlebten Schattenreich, d.h. zu einem Initiationsweg, in dem sich Gegensätze, die das Wachbewusstsein nie zusammenfügen kann, zu einer einzigen Erfahrung verbinden. Licht und Finsternis, Gott und Gegengott, Wahn und Wirklichkeit, Liebe und Tod, Himmel und Erde, Niedriges und Hohes, Ekel und Ehrfurcht, Traum und Realität, Mannsein und Frausein, Sexualität und Heiligkeit, Askese und Lust, Sünde und Moral, Harmonie und Entsetzen erwarten den Wanderer durchs Reich der Schatten als geheimnisvoll gebündelte Erfahrung. Das Wachbewusstsein und die offiziellen Religionen trennen und ordnen, Okkultisten verbinden. Okkultisten wandern durch das Reich der Mitternachtssonne, des schwarzen Lichts. Alle Unterscheidungen des Wachbewusstseins und der offiziellen Religion, Kultur und Moral lösen sich in den Ahnungen, Hoffnungen, Ritualen und drogennahen Trancen der okkulten Zirkel auf.

Vom Protestokkultismus zum tantrischen Okkultismus
Auch tantristischer Okkultismus beginnt zumeist als Protest. Die Lust zu Schattenreisen wird vor allem dort intensiv gespürt, wo die offzielle Wissenschaftsgläubigkeit als blinde Vernünftelei, die offizielle Religion als Vergewaltigung der eigenen Seele und die offzielle Moral als dünnhäutige Heuchelei verstanden wird. Der aufbrechende Okkultismus tritt im Namen seines "wahren Menschen" in allen Bereichen der modernen Zivilisation gegen einen Menschen an, der sich über sein eigenens wirkliches Menschsein hinweglügt. Die Heuchelei der offiziellen Kultur schenkt seiner "Okkultur" nicht nur Zielrichtung, sondern die nie ermüdende kämpferische Energie und den unverhüllten Willen zur Perversion, d.h. zur Umkehrung dessen, was in der offiziellen Kultur als Norm, als Ideal, als Wert oder gar als heilig gilt. Diese Ummoral - beispielhaft präsent in den okkulten Ekelübungen: Ich mache bewusst das, wovor ich mich als gesitteter Mensch ekle - und diese Umkehrreligion - beispielhaft präsent in der in der sog. schwarzen Messe inszenierten Perversion des katholischen Sakramentes - sind aber nur selten Selbstzweck. Es geht nur vordergründig darum, den Gott der Christen durch Satan, den Gegenspieler Gottes, ebenbürtig zu ersetzen. Auch sexuelle Perversion soll in der okkulten Unmoral nicht zur Dauernorm erhoben werden. Der Okkultist will zuletzt immer verbinden, was die offizielle Kultur und Moral trennen. Sein Gott ist nicht der Satan der Christen, sondern eine Macht, die teuflische Dynamik und göttliche Erhabenheit und Weisheit miteinander verbindet. Okkultistische Zirkel und Organisationen entwerfen - nicht selten von Freimaurerei, Rosenkreuzertum, Theosophie und Anthroposophie inspiriert - Einweihungspfade, die vom Adepten fast endlose spirituelle Schulung verlangen. Die Freude am wilden jugendlichen Protest müsste nun, wäre sie noch vorhanden, in der symbolbeladenen und theoriereichen Geheimniskrämerei der okkultistischen Zirkel völlig ersticken.
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