Sie feiern schwarze Messen,
schänden Gräber, töten Tiere und betreiben obskure Sexrituale: Satanisten
flüchten ins Dunkel und provozieren die Umwelt. Die Taten der meist jungen
Teufelsanbeter sind für die Polizei «Besorgnis erregend».
Von Urs Rauber
Der Mörder klingelte am Nachmittag. Er müsse nur rasch
telefonieren, sagte er der Frau, die ihm arglos öffnete. Magda B., Kosmetikerin,
kannte den 24-Jährigen: Es war der Freund ihres Sohnes. Kaum im Wohnzimmer,
begann der Besucher wie besessen mit einem Springmesser auf die 55-jährige Frau
einzustechen. Trotz heftiger Gegenwehr sank das Opfer nach wenigen Stichen tot
zu Boden. Der Täter nahm die Leiche, legte sie in die Badewanne und verliess das
Haus.
Am nächsten Tag wurde der Killer verhaftet – und gestand die Tat sofort. Er
habe die Frau gehasst, sagte er. Der Hintergrund: Magda B. wollte ihrem
25-jährigen Sohn helfen, aus dem Okkultismus auszusteigen. Die eng befreundeten
jungen Männer gehörten seit zehn Jahren zu einem satanischen Zirkel, dröhnten
sich mit Black-Metal-Musik voll, lasen okkulte Literatur und fantasierten von
schwarzen Ritualen. Der Sohn wurde der Mittäterschaft am Mord seiner Mutter
bezichtigt und in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.
Der Mord in Balgach SG geschah im August 1998; es ist das erste Tötungsdelikt
in der Schweiz, das mit dem Satanskult zusammenhängt. Für den Sohn von Magda B.
und auch für den Mörder war das Buch «Baphomet» des Okkultisten Akron ein
Leitfaden.
Behörden schlagen Alarm
«Flackerndes Kerzenlicht in der
Vollmondnacht. Eine Klinge blitzt. Aus dem geköpften, ans Kreuz genagelten
Tierkörper spritzt Blut. "Luzifer" reisst dem Kaninchen das Herz heraus und
verschlingt es!» Keine schwarze Literatur, sondern realer Satanskult am
Zürichsee, wie «Blick» im Februar 1999 berichtete. Beteiligt waren diesmal fünf
Jugendliche zwischen 16 und 21 Jahren. «Sie hatten sich durch satanische
Rockmusik, Videos und Bücher inspiriert», erklärte der zuständige Bezirksanwalt
aus Horgen ZH. Wochen zuvor hatten die Halbwüchsigen in den Kantonen Aargau, St.
Gallen, Schwyz und Zürich Gräber geschändet, Kreuze geraubt und Heiligenfiguren
mit Kot beschmiert.
Für das Bundesamt für Polizei (BAP) in Bern sind die gemeldeten Vorfälle
«Besorgnis erregend», wie dem neusten Sektenbericht der Bundespolizei vom
Dezember 2000 zu entnehmen ist. Bei der Satanistenszene handle es sich um
«zahlenmässig kleine, lokal beschränkte Gruppierungen», die meist aus «bunt
zusammengewürfelten Jugendlichen» bestünden. Zwar seien Verbindungen zur
amerikanischen «Church of Satan» und zum «Temple of Seth» feststellbar, schreibt
das BAP. «Von einem internationalen satanischen Komplott zu sprechen wäre
indessen verfehlt.»
Dieser Meinung sind auch die kantonalen Stellen. Einzig Martin Sorg von der
Kantonspolizei Zürich berichtet von einem neueren Fall: Zwischen September und
November 2000 hatten zwei 17- und 18-jährige Burschen rund 30 Vandalenakte im
Bezirk Meilen verübt. Unter anderem hatten sie die reformierte Kirche Uetikon ZH
mit teuflischen Sprüchen verschmiert. «Sie wollten die Taten aus Blödsinn und
Langeweile, meist unter dem Einfluss von weichen Drogen, begangen haben.»
Ekel, Sex und Tierquälerei
Wer steckt hinter den
diabolischen Aktionen? Woher rekrutieren sich die Teufelsanbeter? Der
Sektenexperte Georg Otto Schmid, Sohn des Zürcher Theologen Georg Schmid, sieht
im Phänomen Satanismus vor allem eine «Protestsprache von Jugendlichen: Sie
schockieren ihre Umwelt.» Die Teufelskerle vom Zürichseeufer etwa kleideten sich
schwarz und schminkten sich; sie schauten Horrorvideos und verschlangen Akrons
satanistisches Kultbuch «Baphomet». Untereinander nannten sie sich «Luzifer»,
«Amon» «Beelzebub» und «Mephisto». Wer als Mitglied in die verschworene Gruppe
aufgenommen werden wollte, musste ein Ritual absolvieren.
An Halloween Ende Oktober zelebrierten die Jugendlichen in einer Waldhütte
bei Richterswil ZH eine schwarze Messe: Sie beteten Satan an, verspotteten ein
Kreuz, das sie umgekehrt aufgehängt hatten, und tranken aus einem Kelch ihr
eigenes Blut. So besiegelten sie ihre Blutsbrüderschaft. Danach verübten sie das
grässliche Kaninchenritual, «um die eigene Energie zu steigern». Georg Otto
Schmid: «Das Ekeltraining in solchen Gruppen dient dazu, Schauder zu erleben.»
Nicht selten schaukeln sich die Mitglieder bei solchen Messen in einen
eigentlichen Trancezustand hoch.
Satanismus ist gemäss Sektenkenner Schmid vor allem eine Bewegung junger
Männer. Erfreute er sich vor einigen Jahren besonders in den USA und in der
ehemaligen DDR einer gewissen Verbreitung, ist der klassische rituelle
Satanismus nach Schmid heute eher rückläufig. Im Wachsen begriffen sind dagegen
okkultistische und neuheidnische Bewegungen, die via Internet auch in der
Schweiz eine Anhängerschaft finden. Bei Frauen stossen neuerdings obskure
Hexenzirkel aus Deutschland auf zunehmendes Interesse.
In amerikanischen und deutschen Satanistenzirkeln werden auch Sexrituale
praktiziert. So tanzen in der Walpurgisnacht am 30. April Hexen und Magier nackt
um ein Feuer und feiern ein orgiastisches Fest. Bei schwarzen Messen der «Church
of Satan» liegen Frauen unbekleidet auf dem Altar und symbolisieren die «Tochter
der Erde». Andere Gruppen praktizieren tantrischen Sex – bis hin zu
Gruppenriten, in denen eine Satansbraut mit mehreren Männern Geschlechtsverkehr
hat. In Deutschland wurde kürzlich der Anführer einer Satanistengruppe von
weiblichen Mitgliedern wegen Vergewaltigung eingeklagt.
In der Schweiz sind solche Vorfälle bisher nicht bekannt geworden. Dennoch:
Kaplan Joachim Müller, Leiter der Arbeitsgruppe «Neue religiöse Bewegungen» in
Balgach SG, weiss von mehreren Fällen sexuellen Missbrauchs in satanischen
Gruppen. So hätte ein Hohepriester im Raum Zürich eine Frau unter Drogen gesetzt
und bei einer schwarzen Messe vergewaltigt. ähnliche Vorkommnisse seien in den
Kantonen Aargau und Luzern passiert. «Bisher wurden die Taten nicht angezeigt,
weil die Frauen teilweise Angst vor Rache haben.»
Laut dem Sektenexperten Georg Otto Schmid beläuft sich die Anzahl satanischer
Zirkel in der Schweiz auf einige Dutzend, die meisten nur gerade mit je einer
Hand voll Mitglieder. Die Zahl überzeugter Teufelsanbeter schätzt Schmid auf
etwa 200, die Zahl der Sympathisanten auf ungefähr 1000 Personen.
«Niemand wird uns je vergessen»
Der grösste Diabolikerklub der
Schweiz ist der von Satorius 1999 gegründete «Schwartze Orden von Luzifer». Der
39-jährige Musiker, Hellseher und Kartenleger Markus W. aus dem luzernischen
Rothenburg war zehn Jahre Mitglied der US-Sekte «Church of Satan», bevor er
seinen eigenen Orden gründete, dem er nun als «Prior Satanis» vorsteht. «Satan
ist Got», schreibt er auf seiner Homepage orthographisch gewollt unkorrekt.
Denn: «Echter Satanismus kann nie politisch korrekt sein.» Auch das «t» im Namen
hätten die Schwartzen Ritter «aus psychologischen Gründen» eingeführt: «Weil
dadurch die Gehirnzellen angeregt werden, wird niemand unseren Namen je
vergessen!»
Der straff hierarchisch aufgebaute «Ritterorden» kennt ein eigenes
Gradsystem. Zum Führungszirkel zählen neben Satorius zwölf «Tempelherren»
beziehungsweise «Grossmeister», die alle einen Eid leisten, der sie über den Tod
hinaus an den «Schwartzen Orden» bindet. Das Fussvolk bildet die so genannte
«Laienritterschaft». Sie verpflichtet sich zu strengstem Stillschweigen über das
Ordensleben.
Die Luzifer-Jünger feiern ihre schwarzen Messen an verschiedenen Kultstätten:
etwa bei keltischen Steinkreisen und Runensteinen in Risch ZG, in Knonau ZH,
Falera GR, Yverdon VD, auf dem Stanserhorn OW, beim Martinsloch in Elm GL und am
Pilatussee im Luzerner Eigental («Wuotanssee»). «Tieropfer und Sexualrituale» –
so versichert Satorius – «lehnen wir allerdings rigoros ab.» Ebenso distanziert
sich der Guru von Grabschändungen: «Das sind Auswüchse, wie sie überall
vorkommen.»
Hitlers langer Schatten
Die Sektenangehörigen bezeichnen sich als
«übermenschen». Ihre neun Gebote sind inspiriert vom deutschen Naziphilosophen
Karl Maria Wiligut, der bis 1939 dem Stab von Heinrich Himmlers SS angehörte.
Auf der Homepage des Luzifer-Ordens wird Adolf Hitler als «mächtiger
Schwarzmagier» bezeichnet, «der seinen Willen in die Tat umgesetzt hat».
Spinnerei? Jedenfalls eine drastische Verharmlosung des Nationalsozialismus,
auch wenn Satorius gegenüber dem Beobachter treuherzig erklärt: «Wir sagen damit
weder positiv noch negativ etwas über Hitler.»
Der andere geistige Vater ist Anton Szandor LaVey, Gründer der amerikanischen
«Church of Satan». Seine Gesetze erlauben einen rabiaten Umgang mit lästigen
Leuten: «Wenn Dich ein Gast in Deiner Wohnung ärgert, trete ihn ohne Gnade.»
Oder: Ein Satanist, der öffentlich belästigt wird, dürfe seinen Gegner nicht
schonen: «Wenn er nicht aufhört, vernichte ihn!»
Gefährlich wird der Einfluss des «Schwartzen Ordens» und anderer
Satanistenzirkel, wenn die Ideologie zum Nährboden für kriminelles Verhalten
wird. Vor der Verurteilung durch das Strafrecht sollte jedoch das
Gesprächsangebot von Erwachsenen stehen, wie Sektenspezialist Georg Schmid sagt.
Ist doch die «Umkehrmoral» der Satanisten oft nichts anderes als «ein
Hilfeschrei von Jugendlichen».
Das zeigt sich etwa im Fall der fünf Halbwüchsigen vom Zürichsee. Nach der
Untersuchungshaft meldeten sie sich beim katholischen Seelsorger von Wädenswil.
Sie entschuldigten sich und trafen sich dreimal zu einem Gespräch. Pfarrer
Martin Kopp: «Sie sagten, das Gefängnis habe sie zur Besinnung gebracht. Heute
betrachten sie ihre Taten als Unfug und jugendlichen Leichtsinn.»