
Rumänien: Territoriale Entwicklung 1858 - 1947
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Geschichte bis 1862:
Eine Geschichte Rumäniens im eigentlichen Sinn gibt es erst seit 1862, als sich die beiden
Donaufürstentümer Moldau und Walachei endgültig vereinigten. Vorher kann man nur von einer Geschichte
der von Rumänen bewohnten Gebiete außer den beiden Fürstentümern noch Bessarabien, Bukowina und
Siebenbürgen - oder einer Geschichte der Rumänen sprechen, die aber beide keine Einheitlichkeit zeigen.
Die moderne rumänische Geschichtsschreibung ist darum bemüht, das Geschichtsbewußtsein der Rumänen
bis auf die Daker zurückzuführen und die mehr als tausendjährige Zeitspanne zwischen dem Verschwinden
der Daker und dem Auftreten der Walachen (Vlachen), die im 13.Jh. erstmals erwähnt werden, mit dem
Hinweis auf die Siedlungskontinuität zu überbrücken. Ebenso wird das zwar von Rumänen bewohnte, aber
politisch stets von Ungarn und Sachsen geführte Fürstentum Siebenbürgen als "rumänisches"
Fürstentum bezeichnet.
Die
ältesten, ethnisch klar einzuordnenden Bewohner des heutigen Rumänien sind die Daker und Geten, die
seit dem 1.Jh. v.Chr. unter BUREBISTA (60-44 v.Chr.) in einem
Königreich organisiert waren. Nach den Dakerkriegen (101-102 und 105-106 n.Chr.) Kaiser TRAJANS
wurde 106 die römische Provinz Dakien errichtet, die 270 von den Römern aufgegeben wurde. Teile der
römischen Zivil-Bevölkerung dürften zurückgeblieben und mit den Dakern, die ihre Sprache annahmen,
verschmolzen sein. In den folgenden Jahrhunderten wurde Rumänien von mehreren Völkerwellen aus dem O
überzogen: im 3.Jh. von den Goten, im 4./5.Jh. von den Hunnen. Ihnen folgten die Gepiden (in
Siebenbürgen schon seit dem 3.Jh., bis 567). Im 7.Jh. ließen sich Slawen nieder. Dann brachen
turktatarische Reiternomaden ein: 6.-8.Jh. Awaren, 11.Jh. Petschenegen, 11.-13.Jh. Kumanen, ohne daß
sich Staaten gebildet hätten. Im 9./10.Jh. wurde Siebenbürgen von den Ungarn erobert und der ungarischen
Krone unterstellt.
Zu
den ersten Staatsbildungen kam es in der 1.Hälfte des 14.Jh. unter BASARAB
I. in der Walachei ("Tara Romineasca") und unter BOGDAN
(1359-65) in der Moldau ("Bogdania"). Beide waren anfangs durch die Ungarn (Beendung der
Abhängigkeit: Walachei 1330, Moldau 1359), seit Ende des 14.Jh. durch die Ausbreitung des Osmanischen
Reichs bedroht. Seit 1460 mußten die Walachei, seit 1513 die Moldau und seit 1541 Siebenbürgen die
türkische Oberhoheit anerkennen.
In der Türkenabwehr zeichneten sich besonders STEPHAN DER GROSSE
(1457- 1504) von der Moldau und MICHAEL DER TAPFERE
(1593-1601) von der Walachei aus, der für kurze Zeit alle von Rumänen bewohnten Gebiete unter seiner
Herrschaft zusammenfassen konnte. Im 17.Jh. ernannte die Pforte aus den miteinander rivalisierenden
einheimischen Bojarenfamilien die Fürsten (Wojewoden), unter denen VASILE LUPU
(1634-53) für die Moldau, MATEI BASARAB
(1632-54) und C. BRÎNCOVEANU (1688-1714) für die Walachei
eine wirtschaftliche und kulturelle Blüte herbeiführten. Seit 1711 (Moldau) und 1716 (Walachei) wurden
die Fürstenthrone in Jassy und Bukarest an griechische Phanarioten vergeben, jedoch war trotz
schlimmster Ausbeutung der unmittelbare türkische Einfluß nie so stark wie in den Ländern südlich der
Donau.
Trotz
der Herausbildung eines rumänischen Nationalbewußtseins gingen in der Folgezeit weitere Gebiete
verloren: 1718-39 gehörte die Kleine Walachei (Oltenien) bis zur Alt zu österreich, 1775 wurde der
Nordteil der Moldau als Bukowina österreich, 1812 Bessarabien Rußland zugeschlagen. Der gescheiterte
Aufstand (1821) der Hetärie unter A. YPSILANTI und T. VLADIMIRESCU veranlaßte die Pforte, wieder
einheimische Fürsten einzusetzen, die durch den Frieden von Adrianopel ( 1829) unter russische
Protektion gestellt wurden. Das von der russischen Besatzungsmacht erlassene "Règlement
organique" von 1831/32 bildete die erste Verfassung. Die liberale Bewegung 1848/49 wurde von
russischen Truppen niedergeworfen. Durch den Pariser Frieden von 1856 wurde die russische
Schutzherrschaft beendet, die osmanische Oberhoheit blieb jedoch bestehen; die Fürstentümer wurden
unter das Protektorat der Signatarmächte des Pariser Friedens gestellt.
1862-1945:
Der Wunsch der in den Donaufürstentümern geschaffenen Vertretungskörperschaften ("Divan ad hoc"),
beide Territorien unter einem erbl. Fürsten zu vereinen, führte 1859 in beiden Fürstentümern zur Wahl
von Oberst A. CUZA, der als Fürst ALEXAJNDRU IOAN I. 1862 die Vereinigung unter dem Namen Rumänien
proklamierte. Als er 1866 dem Druck der Bojaren weichen mußte, wurde durch Volksabstimmung KARL VON
HOHENZOLLERN-SIGMARINGEN als KARL I. zum Fürsten gewählt, der Rumänien kulturell und politisch an
Mittel- und Westeuropa anschloß. Die Verwaltung wurde nach französischem Vorbild zentralistisch
aufgebaut. Im Russisch- Türkischen Krieg von 1877/78 rief Außen-Minister M. KOGALNICEANU die
Unabhängigkeit Rumäniens aus, die auf dem Berliner Kongreß (1878) anerkannt wurde.
Am
14.3.1881 proklamierten beide Kammern KARL zum König. Korruption und die Ausbeutung der Bauern
führten 1907 zu einem Aufstand, der blutig niedergeschlagen wurde. Durch sein Eingreifen im Zweiten
Balkankrieg erzwang Rumänien von Bulgarien die Abtretung der S-Dobrudscha (Frieden von Bukarest,
10.8.1913). Nachfolger KARLS wurde 1914 sein Neffe FERDINAND VON HOHENZOLLERN-SIGMARINGEN als
FERDINAJND I. Im Ersten Weltkrieg zunächst neutral geblieben, erklärte Rumänien jedoch am 27.8.1916
österreich-Ungarn den Krieg. Ein Feldzug der Mittelmächte (1916/17) und der Zusammenbruch des
kaiserlichen Rußland nötigten Rumänien zum Frieden von Bukarest (7.5.1918), der den Verlust der
Dobrudscha mit sich brachte.
Schon
vor Abschluß der Friedensverträge von Saint-Germain-en-Laye (10.9.1919, mit österreich) und Trianon
(4.6.1920, mit Ungarn) gewann Rumänien faktisch die Bukowina (28.11.1918), Siebenbürgen (14.12.1918)
und zwei Drittel des Banats (21.6.1919).
Bereits im Januar 1918 konnte es sich Bessarabien angliedern. Im Frieden von Neuilly (27.11.1919,
mit Bulgarien) erhielt Rumänien die im Frieden von Bukarest verlorene Dobrudscha zurück. Mit 33% nationalen
Minderheiten, davon über 11% Ungarn, hatte das vergrößerte Königreich Rumänien (mit 295'000 km²
und fast 16 Mio. Einwohnern doppelt so groß wie vor 1914) jedoch erhebliche Probleme, u.a. das
Zusammenwachsen des "Altreichs" (Regat) mit den bisher österreichischen oder ungarischen
Gebieten. Innenpolitisch wurde 1918-21 eine Agrarreform durchgeführt. Außenpolitisch arbeitete Rumänien
eng mit Jugoslawien und der Tschechoslowakei in der Kleinen Entente sowie mit Frankreich und Polen
zusammen.
Seit
1922 bildete die Nationalliberale Partei, v.a. unter den MinPräs. I.I C. BRATIANU (1922-26, 1927) und
VINTILA BRATIANU (1927-28), die Regierung. Der Tod König FERDINANDS (1926) löste eine Krise aus, da
Kronprinz KARL auf den Thron verzichtete und ins Exil ging. Für seinen minderjährigen Sohn, König
MICHAEL, wurde ein Regentschaftsrat eingesetzt. Der Führer der Nationalen Bauernpartei, I. MANIU,
setzte sich für die Rückkehr des verbannten Prinzen KARL ein, der 1930 seinen Sohn als KARL II.
(1930-40) ablöste; er regierte mit rasch wechselnden Regierungen, meist getragen von der Bauernpartei
(MinPräs.: MANIU, 1928-30, 1932-33; A. VAIDA-VOIEVOD, 1932, 1933) oder der Nationalliberalen Partei
(MinPräs. : GHEORGHE DUCA, 1933; G. TATARESCU, 1934-37). Als Mitte der 30er Jahre rechtsgerichtete
Parteien, v.a. die Eiserne Garde (C. CODREANU), an politischem Gewicht gewannen, errichtete KARL II.
im Febr. 1938 ein diktatorisches Regierungs-System ("Königsdiktatur"): Außerkraftsetzung der
Verfassung von 1923, Auflösung aller Parteien, Gründung einer Staatspartei. Gleichzeitig betrieb die
Regierung eine wirtschaftliche Annäherung an Deutschland bei Aufrechterhaltung der bisherigen
Bündnispolitik.
Zu
Beginn des Zweiten Weltkrieges (Sept.1939) bewahrte Rumänien zunächst strikte Neutralität und
leistete dem verbündeten Polen keine Hilfe. Ein sowjetisches Ultimatum vom 26.6.1940 erzwang aber
die sofortige Abtretung von Bessarabien und der N-Bukowina und beschleunigte den von KARL II.
vorbereiteten Anschluß an die Achsenmächte: Der Zweite Wiener Schiedsspruch (30.8.1940) nahm Rumänien
auch N-Siebenbürgen und löste innenpolitisch, v.a. unter dem Druck des Generals I. ANTONESCU, die
Abdankung KARLS II. am 6.9.1940 aus, dessen Sohn MICHAEL wieder den Thron bestieg; die tatsächliche
Regierungsgewalt besaß aber der zum "Staatsführer" ("Conducatorul") ausgerufene
ANTONESCU. Dieser führte nach vorübergehender Zusammenarbeit mit der Eisernen Garde Rumänien
in ein enges Bündnis mit Deutschland. (Beitritt zum Dreimächtepakt) und in den Krieg gegen die UdSSR,
in dem Rumänien im Juli 1941 Bessarabien und die N-Bukowina zurückgewann. Die Niederlage der rumänischen
Armee in der Ukraine 1942/43 erschütterte das Bündnis. Als die Front 1944 rumänisches Gebiet
erreichte, kam es am 23.8.1944 zum Umsturz und zum Frontwechsel. König MICHAEL ließ ANTONESCU
verhaften und setzte eine Koalitions-Regierung unter Beteiligung der Kommunisten ein. Die Rote Armee
besetzte alsbald ganz Rumänien; im Waffenstillstand vom 12.9.1944 mußte Rumänien die erneute
Abtretung Bessarabiens und der N-Bukowina und die Beteiligung am Krieg auf sowjetischer Seite
zugestehen.
Die Volksdemokratie (1945-89):
Unter sowjetischer Vorherrschaft erfolgte eine rasche Umgestaltung zur "Volksdemokratie";
am 6.3.1945 wurde MICHAEL gezwungen, die Regierung unter P. GROZA (1945-52) einzusetzen, die
weitgehend von der rumänischen KP beherrscht wurde. Im März 1945 wurde eine Agrarreform verkündet
(die Kollektivierung der Landwirtschaft aber erst im März 1962 abgeschlossen). 1948 verstaatlichte
die Regierung u.a. Banken und Fabriken und begann den Ausbau der Schwerindustrie. Nach Ausschaltung
aller oppositionellen Kräfte 1946-47 (u.a. Prozeß gegen MANIU) setzte sich die Rumänische
Arbeiterpartei (auf Betreiben der KP geschlossene Vereinigung mit der Sozialdemokratie) als alleinige
Führungsmacht durch. Die erzwungene Abdankung des Königs und die Ausrufung der Volks-Republik
(30.12.1947) sowie ein sowjetisch-rumänischer Vertrag (4.2.1948) besiegelten die Eingliederung
Rumäniens (Gründungs-Mitglied des Kominform) in den Machtbereich der UdSSR. 1949 schloß sich das Land
dem RGW, 1955 dem Warschauer Pakt an.
Nach
Gründung der VR Rumänien verfolgte GeneralSekretär G. GHEORGHIU-DEJ zunächst einen streng auf die
UdSSR ausgerichteten Kurs. Nach 1960 leitete er eine auf größere Selbständigkeit von der UdSSR
bedachte Politik ein. Sein Nachfolger N. CEAUSESCU setzte diese Linie verstärkt fort. Im Innern
entwickelte er die Alleinherrschaft seiner Partei seit den 70er Jahren zu einer persönlichen Diktatur
über Partei und Staat, in die er immer stärker Mitglieder seiner Familie, besonders seine Frau ELENA
einbezog. Die Geheimpolizei Securitate baute er zu einem persönlichen Unterdrückungsinstrument aus.
In der Außenpolitik suchte CEAUSESCU die Unabhängigkeit seines Landes zu demonstrieren. Er wandte
sich gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei (1968), hob immer
wieder die Unabhängigkeit seiner Partei im sowjetisch-chinesischen Konflikt hervor, suchte im
Nahostkonflikt u.a. zwischen Israel und ägypten zu vermitteln (1977) und wandte sich gegen die
sowjetische Intervention in Afghanistan (1980).
Vor
dem Hintergrund einer sich steigernden Versorgungskrise verschärfte CEAUSESCU seinen diktatorischen
Kurs; er lehnte zugleich den von M. S. GORBATSCHOW seit 1985 in der UdSSR eingeleiteten Reformkurs
für Rumänien ab. Internationale Organisationen (u.a. Europarat, Amnesty International,
UNO-Menschenrechtskommission) sowie westliche Staaten (u.a. USA) kritisierten immer nachhaltiger die
Verletzung von Menschenrechten in Rumänien. Im Rahmen eines "Siedlungsbereinigungsprogramms"
(Einebnung von 7'000 von 13'000 Dörfern zur Gewinnung von Grund und Boden für Agrozentren) suchte
CEAUSESCU ohne Rücksicht auf die Menschen und ihre Kulturtraditionen die Industrialisierung der
Landwirtschaft voranzutreiben. Da diese Politik auch Dorfgemeinschaften der magyarischen Minderheit
betraf, kam es zu Spannungen mit Ungarn.
Mit
Demonstrationen in Temesvar (16.12.1989) begann auch in Rumänien eine Volkserhebung, in deren Verlauf
sich die Armee auf die Seite der Protestbewegung stellte. In Bukarest kam es zu Straßenkämpfen zwischen
Armeeinheiten und der Securitate. Der am 22.12.1989 gestürzte CEAUSESCU und seine Frau wurden auf der
Flucht verhaftet, am 25.12.1989 von einem Militärgericht zum Tod verurteilt und von einem
Erschießungskommando hingerichtet. Als neue Regierung bildete sich eine "Front der Nationalen Rettung"
(FSN), die am 26.12.1989 I. ILIESCU zum Staatspräsidenten ernannte.
Rumänien unter der Herrschaft des FSN:
Bei den ersten freien Wahlen seit 53 Jahren am 20.5.1990 wurde ILIESCU als Kandidat des FSN mit 85,5%
der Stimmen zum Staatspräsidenten gewählt; der FSN wurde die stärkste politische Gruppe im Parlament.
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