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Geschichte von einem Mädchen
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  • Lykantroph_w
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    KURZGESCHICHTE
    Donnerstag 4.12.2008
    FREI SEIN ? !

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    Eine Geschichte von einem Mädchen, das jetzt fast 20 Jahre auf dieser Welt lebt. Noch lange keine abgeschlossene Lebensgeschichte, nur mehr eine Episode... Und selbst aus dieser Episode wird nur ein Ausschnitt erzählt.
    Das Mädchen ist 13 und wird zum ersten Mal sexuell belästigt. Im Konfirmanden-Unterricht, von einem Mmitschüler. Der Pfarrer sieht weg, er kann sich sowieso nicht durchsetzen gegen die Jungen in seiner Gruppe. Die ärgern das Mädchen am Anfang nur, dann tun sie ihm weh, dann fassen sie es an. Meist zwischen den Beinen. Das Mädchen kommt wieder und wieder weinend nach Hause, will nicht mehr zum Konfirmandenunterricht, will die Gruppe wechseln. Die Eltern sind nur an schulischen Erfolgen interessiert, sie merken nichts. Solange in der Schule alles in Ordnung ist, sind sie nicht beunruhigt. Sie glauben, gut auf ihr Kind aufzupassen und über alles bescheid zu wissen.

    DannSelbstverletzung am Arm verletzt sich das Mädchen zum ersten Mal selbst. Mit einem Taschenmesser und Pinwandnadeln. Die Kratzer der Pinwandnadeln entzünden sich und tun schrecklich weh, das Mädchen ist sehr erschrocken über das, was es getan hat.
    Mehrere Monate lang passiert nichts. Das Mädchen atmet durch, die Probleme in der Konfirmandengruppe haben aufgehört. Das Mädchen geht noch immer nicht gerne hin, aber zumindest lässt man es - bis auf verbale Angriffe - in Ruhe. Dann gibt es Schwierigkeiten in der Schule. Normal in der Pubertät, doch das Mädchen ist völlig verzweifelt, hat Angst vor den Eltern und möglichen Strafen. Greift zum ersten Mal in seinem Leben zu einer Rasierklinge und ritzt sich in den Arm. Nicht schlimm, nur ein bisschen Blut. Und danach geht es dem Mädchen besser. Es fühlt sich leicht, befreit.

    Wieder vergehen einige Monate. Das Mädchen ist verliebt. So sehr, dass es weh tut; so sehr, dass es erst viel zu spät merkt, dass der Junge nur mit ihm spielt, dass fast jeder hinter seinem Rücken lacht. Dieses Mal ist es nicht nur ein bisschen Blut. Dieses Mal gibt sich das Mädchen die Strafe, die es für seine Dummheit verdient: wie konnte es nur glauben, von einem Jungen, von überhaupt irgendwem geliebt zu werden?
    Es sind die ersten hässlichen Narben, die durch diese Schnitte zurückbleiben und das Mädchen lange Zeit begleiten. Es ist jetzt 14 und an seiner Konfirmation trägt es den ganzen Tag beharrlich den langärmligen Blazer, um den verletzten oberarm zu verstecken. Die Mutter macht dumme Witze über die Eitelkeit des Mädchens. Das Mädchen selbst findet sich sowieso hässlich und hört kaum hin. Nur wenige Wochen später entdeckt die Mutter zufällig diese ersten Narben. Sie weiß nicht, woher sie stammen und hält sie für einen missglückten Versuch des Mädchens sich zu tätowieren. Sie erklärt dem Mädchen, wie richtige Tätowierungen funktionieren. Das Mädchen ist erleichtert, dass die Mutter so naiv ist und eine Begründung für die Narben liefert, die es selbst einfach nur bestätigen muss.

    Das Mädchen kommt in die 9. Klasse. Plötzlich beginnen mehrere Mitschüler es sexuell zu belästigen, Jungen, die es schon jahrelang kennt. Das Mädchen versteht das nicht und es hat Angst. Die Lehrer sehen zu, wie die Jungen während des Unterrichts unter dem Tisch zwischen die Beine des Mädchens fassen. Niemand hilft dem Mädchen, nicht einmal seine Freundinnen. Das Mädchen beginnt, die Schule zu hassen. Es übergibt sich fast jeden Morgen, es hat Angst. Die Jungen helfen einander. Einer hält das Mädchen fest, während der andere es anfasst. Die beste Freundin des Mädchens sagt: "ich kann dir nicht helfen. Wenn sie dich schlagen würden, dann wäre es vielleicht gerechtfertigt, wenn ich an deiner Stelle zurückschlagen würde. Aber sie tun dir ja nicht Mal weh. Du musst da selber mit klarkommen." Das Mädchen erduldet alles stillschweigend. Es hat Angst sich zu wehren. Es weiß auch nicht, wie. Die Lehrer können es nicht übersehen und keiner tut was und die Eltern würden es niemals glauben. Das Mädchen tut das einzige, was es in dieser Situation tun kann, um mit der Situation fertig zu werden. Es schneidet sich. Fast jeden Tag. Es sind nur kleine Schnitte, damit niemand etwas merkt. Meistens an den Armen. Am linken Arm, am Handgelenk. Die Narben bleiben, aber nicht für immer. Wer heute die Arme des Mädchens sieht, findet keine Narben aus dieser Zeit mehr.

    Im Herbst des neunten Schuljahres wird bei dem Mädchen Leukämie diagnostiziert. Das Mädchen ist erleichtert: endlich sterben. Die Diagnose steht zwei Wochen, dann wird sie zurückgezogen: weitere Blutuntersuchungen ergeben, dass das Mädchen kerngesund ist.
    Das Schneiden wird zu einer Gewohnheit. Inzwischen schneidet das Mädchen auch in seine Beine und verbrennt sich mit Feuerzeugen die Haut. Auch das tut es nur an den Beinen und Füßen, aus Angst entdeckt zu werden. Sobald das Mädchen alleine zu Hause ist, verletzt es sich. Es braucht auch schon keine konkreten Gründe mehr, es sehnt sich nach dem Gefühl der Schmerzen. Gibt es doch konkrete Gründe, sei es Streit mit den Eltern oder Stress in der Schule, werden die Verletzungen schlimmer. Den gesamten Sommer zwischen der 9. und 10. Klasse lebt das Mädchen mit der Angst, dass jemand etwas merkt.

    Es hat im Frühjahr einer Freundin alles erzählt. Diese hat sich von dem Mädchen abgewendet und seitdem weiß das Mädchen ganz genau, was es schon vorher geahnt hat: es ist verrückt. Wahnsinnig. Krank. Und niemand darf mehr von den Verletzungen erfahren.
    In der 10. Klasse beruhigt sich die Situation mit den Mitschülern wieder. Die Belästigungen nehmen ab, hören zum Schluss ganz auf. Das Mädchen verletzt sich trotzdem weiter, achtet aber genau darauf, dass es alle Spuren verwischt. Dennoch erzählt es seiner besten Freundin von seinem "Geheimnis". Die Freundin kann es nicht verstehen und ignoriert diese Tatsache so gut es geht. Aber sie hält zu dem Mädchen. Das macht dem Mädchen Mut und es beginnt, sich über Autoagression und Selbstverletzendes Verhalten zu informieren. Das Mädchen ist geschockt, so sehr, dass es wieder zu Messern und Rasierklingen greift. Es hatte nie gewusst, dass es an einer Krankheit leidet. Dass Menschen mit ähnlichen Neigungen Psychotherapeuten aufsuchen oder in Kliniken sind. Fast geht das Mädchen zu seiner Mutter und erzählt ihr alles. Doch dann hat es doch zu viel Angst vor der Reaktion. Am Ende der 10. Klasse hat das Mädchen seinen ersten richtigen Freund, mit dem es 3 Monate zusammen ist. Dieser Freund Selbstverletzung und Gewaltmissbraucht das Mädchen und setzt damit das fort, was das Mädchen schon seit 3 Jahren immer wieder mit Jungen erlebt hatte. Zuerst sagt der Freund: "Schau mal, ich halte dich fest. Ich bin viel stärker als du und ich kann mit dir machen, was ich will. Du würdest dich niemals befreien können." Das Mädchen hält das alles für ein Spiel und denkt, was für einen wundervollen und starken Freund es doch hat. Dann sitzen die beiden im Auto. Der Freund fasst dem Mädchen zwischen die Beine und das Mädchen muss an all die vielen Male denken, an denen ihm Jungen zwischen die Beine gefasst haben. "Das gefällt dir doch?!" sagt der Freund. "Nein." sagt das Mädchen. "Du musst noch viel lernen." sagt der Freund. Aber die Hand nimmt er nicht weg. Zuhause fasst er dem Mädchen in den Slip. Das Mädchen will sich wegdrehen, aber "Ich bin viel stärker als du und ich kann mit dir machen, was ich will." Das Mädchen gibt auf, es wartet, bis der Freund fertig ist. "Dies kann nicht ewig dauern." denkt es. Danach möchte es am liebsten in eine Ecke kriechen und weinen, aber es hat Angst, dass der Freund dann sieht, wie schwach es ist und das noch mehr ausnutzt. Der Freund sagt: "Siehst du, war doch gar nicht so schlimm. Und es hat dir doch auch gefallen. Du hast schon viel gelernt und sieh Mal, jetzt kann ich dich auch ausziehen und dich nackt ansehen." Der Freund versucht, das Mädchen auszuziehen, doch das Mädchen schubst ihn beiseite. Der Freund hält es fest und sagt: "Schau mal, ich halte dich fest. Ich bin viel stärker als du und ich kann mit dir machen, was ich will. Du würdest dich niemals befreien können." Dann lässt er das Mädchen los und geht. Das Mädchen schneidet sich immer und immer wieder. Wie konnte es nur so dumm sein und auf diesen Jungen hereinfallen? Wie konnte es nur so naiv sein?

    Das Mädchen hat noch mehr Angst vor Jungen und versucht einer neuen Beziehung aus dem Weg zu gehen. Doch drei Monate später hat es einen neuen Freund, der ganz anders zu sein scheint. Das Mädchen schläft mit dem Jungen, doch es macht ihm keinen spaß. Es tut es nur, weil es Angst hat ihn zu verlieren. Nach nicht einmal einem Monat geht der Junge fremd. Das Mädchen schneidet sich und behält mal wieder hässliche Narben. Als es zwei Wochen später wegen einer Operation ins Krankenhaus kommt, sieht ein Arzt die Schnitte. aber er sagt nichts. Er sieht das Mädchen nur bedeutungsvoll an. Das Mädchen erfüllt dem Jungen in der Beziehung alle Wünsche. Es liest ihm aus den Augen. Es tut alles, was er will, auf jeder Ebene. Sowohl sexuell als auch sonst. Es ist rund um die Uhr auf Abruf und versucht ihm alles recht zu machen. Den Druck und die Anspannung die dadurch auf ihm liegen, bekämpft es mit Verletzungen.

    Nach einem halben Jahr trennen sich das Mädchen und der Freund. das Mädchen ist am Boden zerstört, kommt aber darüber hinweg. Es hat ja seine Rasierklingen und die waren ihm immer treu. Das Mädchen bändelt oberflächlich mit mehreren Jungen an, lässt diese aber nicht an es heran. Es mag nicht angefasst werden, es hält Distanz.
    Nach drei Monaten kommt es wieder mit seinem Exfreund zusammen. Obwohl das Mädchen in der ersten Beziehung dem Jungen fast hörig war, lässt es sich ein zweites Mal auf ihn ein. Es erzählt von seinen Problemen, von dem Missbrauch, von den Selbstverletzungen und auf einmal ist der Junge, der ihm in der ersten Beziehung indirekt soviel Schaden zugefügt hat, der Grund dafür, dass das Mädchen über ein Jahr ohne eine Selbstverursachte Verletzung lebt. Und das obwohl in dem Jahr für das Mädchen einige schlimme Dinge passieren und es oft in schwierigen Situationen ist.

    DochSelbstverletzung Licht dann wird das Mädchen unglücklich in der Beziehung und die beiden trennen sich ein zweites Mal. Dieses Mal fühlt das Mädchen sich erleichtert. Es lernt einen anderen Jungen kennen, doch es erkennt rechtzeitig, dass ihm hier wieder eine Abhängigkeits-beziehung droht. Um dem zu entgehen, flieht es in eine dritte Beziehung mit ihrem Exfreund. Doch diese ähnelt sehr den ersten sechs gemeinsamen Monaten. Der Junge will nur mit dem Mädchen schlafen, doch zum ersten Mal in seinem Leben wagt es, sich zu weigern. Der Junge droht Schluss zu machen und das Mädchen fügt sich. Und beginnt wieder mit Selbstverletzungen. Sieben Monate später zieht das Mädchen um. Es beendet die Beziehung nicht offiziell, aber in seinem Inneren ist sie vorbei. Das Mädchen ist glücklich. Seit langer Zeit drängt es niemand zu Dingen, die es nicht will. Dennoch verletzt es sich weiter. Es hat eine Arbeit gefunden, die es zwar glücklich macht, aber gleichermaßen so sehr belastet, dass es noch immer nicht ohne Verletzungen leben kann.
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