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Suizid
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«Sie war unser Sonnenschein»
SELBSTTÖTUNG
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  • John Schlitt
  • Debbie MüllerArtikel im Beobachter 24/03Lebensgeschichte: «Selbstmord oder neues Leben?»

  • GESCHICHTEN
    KURZGESCHICHTE
    Donnerstag 4.12.2008
    FREI SEIN ? !

    Letzter Ausweg Suizid
    Sendung zum
    Thema Suizid im
    Fenster zum Sonntag.
    Fenster zum Sonntag "Letzter Ausweg Suizid" Video (450 kbps)

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    „Ich hätte nie erwartet, dass sie in solche Probleme geraten könnte - sie war unser Sonnenschein”, sagt der Vater. „Sie hatte wahnsinnig viele Begabungen und konnte so gut singen”, wirft die Schwester ein. „Sie zog die Leute an und stand gleich im Mittelpunkt, weil sie so fröhlich war.”
    Eines Abends kommt Debbie (17) heim und sagt zu Daddy: „Jetzt habe ich den Mann meines Lebens gefunden! Ihn will ich, ihn werde ich bekommen.” Ein halbes Jahr später ist es so weit. Sie ist total verliebt. Die Beauty und der Sunnyboy - das Traumpaar.

    Halbe Sachen gibt's nicht für Debbie. Um ihm zu gefallen, um ihm zu genügen, prüft sie sich kritisch im Spiegel. Wo hat sie ein Kilo zuviel? Ihn kümmert das nicht - aber sie fährt sich fest. Eine Spirale beginnt sich zu drehen. Sie will alles tun, damit die Beziehung funktioniert.

    Erbrechen als Ventil
    Das Erbrechen wird zum Ventil für den Druck, den Debbie in sich spürt. Wenn sie sich von ihm verletzt fühlt, isst und bricht sie. Und das in immer kürzeren Abständen. Die Bulimie schwächt sie. Nach einigen Monaten arbeitet sie nur noch halbtags.

    Sie will es schaffen, aus eigener Kraft - und spürt doch, dass sie Hilfe braucht. Sie schluckt eine Menge Tabletten, aber so auffällig, dass es die Eltern gleich merken. In der Klinik versucht sie sich aufzufangen und die Beziehung wieder zu kitten. Weitere Aufenthalte folgen, doch da fühlt sie sich als Christin nicht verstanden. Sie kommt nach Hause, weil sie die Lehre abschliessen will.

    Schmerz, der immer wieder kommt
    Sie wird immer dünnhäutiger, empfindlicher. Erträgt das Leben nicht mehr, stürzt ab in Depressionen. Sie weint in ihrem Zimmer. Die Bulimie bleibt ihr Begleiter. Manchmal geht der Vater mit ihr Auto fahren, wenn sie ihren Schmerz spürt. Sie wünscht, nachts eingeschlossen zu werden.

    Eine Zeitlang geht es ihr besser. In der Klinik heisst es, sie sei nicht suizidgefährdet. Obwohl es geschieht, dass Menschen mit Ess- und Brechsucht sich das Leben nehmen. Eines Morgens ist sie sehr niedergeschlagen. Die Mutter redet ihr zu, betet mit ihr. Debbie weist sie ab. „Wir geben dich nie auf”, sagt ihr die Mutter unter Tränen.

    „Ciao Mami”
    Kurz vor elf Uhr kommt sie aus dem ZimmerBeat & Esther Müller und sagt ausdruckslos: „Ciao Mami”. Sie geht aus dem Haus - und kommt nicht mehr heim. „Vier Tage haben wir sie gesucht. Gesehen haben wir sie nie mehr”, seufzt die Mutter. „Als man sie gefunden hatte, wollte man uns ihren Anblick ersparen.”

    Ihren Eltern und Grosseltern und den besten Freundinnen hinterlässt Debbie Abschiedsbriefe. In jedem Brief kommt durch, dass das Leben nur mit Jesus Sinn macht. Mit der Grossmutter hat sie viel über den Glauben gesprochen. Ihr schreibt sie, dass sie Jesus ihr Herz geben soll.

    „Ich konnte mir nicht vorstellen, wie das Leben ohne meine Schwester weitergehen kann. Wir weinten zwei Wochen lang. Es tat wohl, dass viele Freunde aus der Kirchgemeinde kamen und mit uns weinten.” Und die Mutter fügt an: „Wir empfingen viele Zeichen, die uns trösteten.”

    Esther Müller kommt sich manchmal vor „wie ein roter Hund”, wenn sie ins Dorf geht. Was reden wohl die Leute? „Ich mache mir nicht Vorwürfe, aber ein tiefes Bedauern bleibt, dass ich es nicht schaffte, mein Kind am Leben zu erhalten.”

    „Die erste Zeit nach dem Tod war sehr schwer”, sagt Beat, der Vater. „Zwei Jahre später kann ich aber sagen, dass ein Fundament getragen hat: die Gemeinde. Wie wir das hätten schaffen sollen ohne die Freunde in der Gemeinde, kann ich mir nicht vorstellen.”

    „Die Gemeinde trägt uns”
    „Man muss trauern können.” Die Eltern geben der Trauer Raum. Sie lernen ein Ehepaar kennen, das den Sohn verloren hat. „Im Trauern merkt man, wie stark man auf andere angewiesen ist. Freunde haben, die Gemeinde, die uns trägt - das habe ich sehr positiv erlebt, bei allem Schmerz.”

    „Oft sass ich da und weinte”, erzählt Esther. „Und ich sagte: ?Jesus, jetzt kommst du und hebst mich aus dem Loch heraus.' Ich spürte den Trost - dass ich wieder funktionieren konnte. Ich lernte Jesus als den Tröster kennen.” Sie kann wieder aufstehen und wieder fröhlich sein. Jeden Tag kommt sie ihrer Tochter einen Schritt näher.

    Von Träumen Abschied nehmen
    Schwer fiel Esther, die Träume zu beerdigen,Trauer die sie mit Debbie hegte. „Ich habe an sie hinaufgeschaut - ja, ich war stolz auf sie.” Sie war, in den Worten der Mutter, die fulminantere der beiden Töchter - „wie ein Vulkan”.

    Die Schwester hat viel Zeit mit Freunden verbracht, die sie unterstützten. „Unser Fundament ist der Glaube. Aber ich verstehe heute noch nicht, warum Jesus Debbie nicht geholfen hat. Wir haben soviel gebetet, dass er sie heile. Und es geschah nicht. Ich verstehe nicht, dass er sie verzweifeln liess.” Die Schwester hat es aufgegeben, nach dem Grund zu suchen.

    Heilt die Zeit Wunden? Ja, meint die Schwester. Noch überfällt sie Traurigkeit, aber die Abstände zwischen diesen Momenten werden grösser. Vor wenigen Monaten hat sie selbst geheiratet. Anfänglich empfand sie eine Hemmung zu lachen - und nicht an Debbie zu denken. „Allmählich kommt man ins Leben zurück.”

    „Barmherziger geworden”
    Wie hat sich die Familie verändert? „Die Beziehungen zwischen uns sind wichtiger geworden. Wir leben bewusster, urteilen weniger, sind barmherziger. Wer ein solches Versagen erlebt, weiss, dass er es nicht in der Hand hat. Eltern neigen dazu, sich auf die Schultern zu klopfen, wenn alles klappt. Doch eigentlich kann man nur Gott Danke sagen, wenn man die Kinder gut über die Runden bringt. Es ist nicht unser Verdienst.”


    Autor: Daniel Gerber     Quelle: www.livenet.ch
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