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Text: Edith Lier
Bild: Béatrice Devènes
Die
40-jährige türkische Journalistin Suna Göl wurde in ihrer Heimat gefoltert. Die Bilder der Folterszenen
im Irak zerren düsterste Erinnerungen wieder in den Vordergrund.
Die Folterbilder in den Medien von gefangenen Irakern durch amerikanische Soldaten wühlen mich von neuem auf. Sie führen mir mein eigenes Schicksal in der
Türkei als Opfer von Misshandlungen vor Augen. Diesen Dokumenten des Schreckens kann ich nicht ausweichen. Die körperlichen Spuren von Folterungen
mögen heilen, die psychischen nicht. Die Seele kann nicht vergessen. Nie. Was an der tagelangen Tortur am grausamsten war, kann ich nicht sagen. Das Ganze
war schrecklich.
Alle Foltermethoden angewendet
Ich arbeitete für die in der Türkei legal herausgegebene Wochenzeitung «Atilim» als Journalistin. Aufgrund eines Artikels wurde ich im März 1995
festgenommen und kam in Untersuchungshaft. Wer sich in der Türkei öffentlich über Politik oder über Folter äussert, muss mit Sanktionen rechnen. Vier Tage lang
wurde ich systematisch gefoltert, nach insgesamt 15 Tagen kam ich frei. Die Polizei hatte sämtliche Foltermethoden angewendet, ohne von mir Informationen
oder ein Geständnis erpressen zu können.
Natürlich kostet es mich jetzt Kraft und Energie, öffentlich hinzustehen und publik zu machen, was ich in
der Türkei durchlitten habe. Aber diese unmenschlichen Folterungen müssen ans Licht kommen und bekämpft werden, damit es nicht noch mehr Opfer gibt. Als
Journalistin weiss ich, dass man immer wieder nachhaken muss, um den Sachverhalt verstehen zu können. Deshalb will ich mich jetzt den Fragen stellen.
Gleich nach der Verhaftung wurden mir die Augen verbunden, damit ich keine Gesichter erkennen konnte.
Dann hängten mich die Männer an den Armen auf, bis nur noch die Zehenspitzen den Boden berührten. Diese Methode ist bekannt als «palästinisches
Hängen»». Später befestigten sie an den Brustwarzen, im Genitalbereich und an den Fingern Elektroden und quälten mich mit Elektroschocks. Zusätzlich
traktierten sie mich von hinten her auf Nierenhöhe mit Fausthieben. Dann holten sie mich von der Aufhängevorrichtung runter, spritzten mich mit kaltem Wasser
ab und legten mich auf eine Eisschicht. Sechsmal würgte mich ein Polizist am Hals fast bis zum Ersticken, während ich auf einem Stuhl sass und der Peiniger auf
meinem Schoss. Ich wurde auch sexuell gedemütigt und aufgefordert, trotz der Menstruation meinen Slip auszuziehen.
Als ich wieder freikam, ging ich zum türkischen Menschenrechtsverein IHD, schilderte den Vorgang und
erstattete Anzeige. Die Organisation setzt sich landesweit für die Suche nach verschwundenen Politaktivisten ein. So konnte ich auf Plakaten Hasan Ocak
wiedererkennen, den ich in der Untersuchungshaft unter der Augenbinde hindurch wahrgenommen hatte. Nach seiner Festnahme am 21. März blieb er
verschwunden. Ich kam mit seiner Familie in Kontakt und informierte sie über meine Beobachtungen. Schliesslich fand man im Mai seinen Leichnam in einem
namenlosen Grab. Die Autopsie wies Folterspuren am ganzen Körper auf. Daraufhin wurde gegen mich ein Haftbefehl erlassen. Glücklicherweise gelang mir die
Flucht in die Schweiz.
Den Kampfwillen nie verloren
Wann ich das letzte Mal glücklich war? Jetzt. Ich bin glücklich, dass ich noch lebe und kämpfen kann. Auch meine beiden 19-jährigen Zwillingssöhne, die hier in
der Schweiz bei meinem geschiedenen Mann leben, machen mich glücklich. Sie wissen, dass ich gefoltert wurde, kennen aber die Details nicht.
So schrecklich die Misshandlungen waren: Den Wunsch zu sterben hatte ich nie. Im Gegenteil. Ich wollte
durchhalten. Ich war mir bewusst, dass die Polizei versucht, meine Persönlichkeit zu zerstören, mich umzubringen und aus dem Weg zu schaffen. Und ich war mir
bewusst, dass ich unschuldig bin. Offenbar mobilisiert eine solche Situation ungeahnte Kräfte. Hass- oder Rachegefühle habe ich nicht. Aber es ist mir ein
Anliegen, über die Folter zu reden und sie zu bekämpfen. In der Türkei, im Irak, auf der ganzen Welt. Der 26. Juni gilt übrigens als der internationale Gedenktag
für Folteropfer.
Schreckliche Erinnerungen verarbeiten
Ich setze alles daran, um mich in der Schweiz nicht fremd zu fühlen, und besuche auch einen Sprachkurs. Therapeutinnen des Ambulatoriums für Folter- und
Kriegsopfer des Roten Kreuzes in Bern helfen mir im Gespräch und mit Körperarbeit, mit den schrecklichen Erinnerungen umzugehen. Jeder vierte anerkannte
Flüchtling in der Schweiz leidet an den Folgen systematischer Gewalt. Im Ambulatorium finden jährlich 150 bis 200 Opfer ein multiprofessionelles
Therapieangebot. Das gibt auch mir neue Kraft. Und die brauche ich für den weiteren Kampf.
Als Heimat kann ich die Schweiz natürlich nicht bezeichnen. Ich wurde in der Türkei geboren und bin dort
aufgewachsen. Ich habe zwar telefonisch Kontakt mit meiner Familie, aber sie fehlt mir ebenso wie mein Freundeskreis. Nach acht Jahren habe ich meine Eltern
zum erstenmal wieder gesehen. Um kein Risiko einzugehen, im Ausland verhaftet zu werden, riet mir die Polizei, die Schweiz nicht zu verlassen. Ich fühle mich
hier in Sicherheit - und lebe in einem riesigen offenen Gefängnis.
Quelle: Beobachter 13/04
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