
Bangladesh 1997; Pflege für die erblindete Tochter: Die
14jährige Sonja wurde von einem Jungen ihres Dorfes mit Säure überschüttet, nachdem sie ihm
einen Korb gegeben hatte.
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Beim Begräbnis des ermordeten Ehemanns, Kosovo 1998.
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Kinder auf der Flucht nach einem
Napalmangriff der Südvietnamesischen
Luftwaffe auf Trang Ban am 8.Juni 1972
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Gegen
schwere traumatische Belastungen ist
kein Mensch immun. Angesichts eines überwältigenden Ereignisses haben individuelle
Persönlichkeitsmerkmale weniger Gewicht. Wie Untersuchungen von Kriegsveteranen des Zweiten
Weltkriegs zeigten, hat jeder Soldat eine »Bruchgrenze« - der eine »bricht« früher, der andere
später, aber nach einer gewissen Anzahl von Tagen an der Front zeigt selbst der stärkste Mann
Symptome. Dasselbe gilt beispielsweise für vergewaltigte Frauen: Alle Frauen zeigen nach einer
Vergewaltigung Belastungsreaktionen.
Ausschlaggebend
für das Ausmass von psychischen Beschwerden ist das traumatische Ereignis selbst. Es besteht ein
einfaches, direktes Verhältnis zwischen der Art, der Schwere und der Dauer des Traumas und seiner
psychischen Wirkung. Für die Verarbeitung eines Traumas ist es ein Unterschied, ob es in Form eines
Schicksalsschlags, beispielsweise einer Naturkatastrophe, über einen Menschen hereingebrochen ist
oder in Form gezielter menschlicher Gewalt. Nach dem Erleben oder Mitansehenmüssen von Folter, Mord
und Vergewaltigung ist ein Mensch in besonderem Masse gefährdet, langfristige Belastungsstörungen zu
entwickeln. Die Erfahrung abgrundtiefer menschlicher Bosheit kann sein ganzes Wertesystem, sein
Selbst- und Menschenbild zerstören und ihn somit in eine existentielle Krise stürzen.
Vor
Traumatisierung ist niemand geschützt. Doch hat die Behandlung von Traumaopfern deutlich gemacht,
dass die Konfrontation mit einem psychisch belastenden Ereignis nicht in jedem Fall eine
langfristige posttraumatische Belastungsstörung verursacht. Es wurde beobachtet, dass sich bei
vielen Traumatisierten wenige oder gar keine langfristigen Komplikationen einstellen. Eine nicht
geringe Zahl von Menschen ist offensichtlich nach dem Erleben eines Traumas recht bald in der Lage,
ihr psychisches Gleichgewicht wiederherzustellen und das Geschehene als wohl etwas Schreckliches,
aber Vergangenes zu betrachten. Es gibt sogar Menschen, die gestärkt aus einem Trauma hervorgehen
und ihr Erlebnis ins Positive ummünzen können. So berichten beispielsweise manche Opfer von
Naturkatastrophen oder Unfällen, dass sie ihr Leben seit dem Unglück bewusster und mit mehr
Verantwortungsgefühl angehen und gestalten.
Die
Unterschiede in der Verarbeitung eines Traumas werfen Fragen auf. Woher kommt es, dass sich einige
Personen nach extrem belastenden Erlebnissen erholen, während andere chronische Störungen
davontragen? Dies sind Fragen, die Forscher und Kliniker fesseln, die ihnen aber auch
Kopfzerbrechen bereiten. In verschiedenen Studien wird nach biologischen, psychologischen und auch
sozialen Faktoren gesucht, die für die Entwicklung beziehungsweise Vermeidung einer
posttraumatischen Belastungsstörung verantwortlich sind.
Empirisch bestätigte Antworten sind zwar noch nicht gefunden, doch gibt es mittlerweile verschiedene
Thesen und Hinweise:
Das soziale und gesellschaftliche Umfeld
Von
entscheidender Bedeutung scheint das unmittelbare soziale Umfeld des Traumatisierten zu sein. Hat er
das Glück, in seiner Familie oder Partnerschaft Verständnis und einfühlsame Behandlung zu finden, so
sind die Chancen, sich von einem Trauma zu erholen, grösser als bei ungünstigen oder instabilen
Familienverhältnissen. So wurde beispielsweise gesehen, dass vergewaltigte Frauen, die in einer
harmonischen Beziehung mit einem Partner leben, schneller über das schreckliche Geschehen
hinwegkommen als andere. Demgegenüber erhöht das Fehlen von gesellschaftlicher Unterstützung
beziehungsweise das Erleben von Ablehnung oder Misstrauen, wie es beispielsweise Flüchtlinge und
Asylanten oft erfahren, die Wahrscheinlichkeit der Entwicklung posttraumatischer Störungen.
Eine
wesentliche Rolle für die Verarbeitung eines traumatischen Erlebnisses spielen offensichtlich das
Alter und die Persönlichkeitsstruktur des Betroffenen. Insbesondere Kinder, aber auch ältere
Personen sind in hohem Masse anfällig für die Entwicklung psychischer Störungen - Kinder, weil sie
weniger Erfahrung im Umgang mit Stress und nur unzureichende Bewältigungsmechanismen haben, und
ältere Menschen auf Grund ihres ohnehin angegriffenen Gesundheitszustandes.
Untersuchungen
in verschiedenen Bevölkerungsgruppen haben gezeigt, dass es ganz bestimmte Charaktereigenschaften,
Fähigkeiten oder Verhaltensweisen sind, die einen Menschen widerstandsfähiger gegen psychische
Beschwerden machen. Die amerikanische Psychiaterin Judith Lewis Herman berichtet
über die Ergebnisse der Forschung:
»Besonders belastbare Menschen sind überdurchschnittlich kommunikativ, bewältigen Anforderungen
reflektiert und aktiv und sind in hohem Masse davon überzeugt, dass sie ihr Schicksal meistern
können. So ergab die Beobachtung zahlreicher Kinder von der Geburt bis zum Eintritt ins
Erwachsenenalter, dass etwa ein Kind von zehn in aussergewöhnlichem Mass fähig war, einem
ungünstigen Umfeld in der frühen Kindheit standzuhalten. Charakteristische Merkmale dieser Kinder
waren ein waches, lebhaftes Wesen, ungewöhnliche soziale und kommunikative Fähigkeiten und die feste
Überzeugung, das eigene Schicksal beeinflussen zu können, eine Fähigkeit, die die Psychologen
als "Innere Steuerungsinstanz" bezeichnen. Ähnliche Eigenschaften fand man auch bei
Menschen, die Krankheit und Schicksalsschläge des normalen Alltagslebens besonders gut bewältigten.
Überdurchschnittlich widerstandsfähige Menschen nutzen in Stresssituationen jede Gelegenheit,
mit anderen gemeinsam sinnvoll zu handeln, während andere Menschen häufig wie gelähmt oder durch
die Angst isoliert sind. Wer selbst in Extremsituationen soziale Bindungen aufrechterhalten und
aktiv nach Lösungsstrategien suchen kann, scheint in gewissem Masse geschützt gegen die spätere
Entwicklung eines posttraumatischen Syndroms. Von den Überlebenden einer Schiffskatastrophe
zeigten beispielsweise die Männer, die sich durch gemeinschaftliche Aktionen retten konnans-seriten, später
nur gemptome einer posttraumatischen Belastungsstörung. Dagegen neigten diejenigen, die
"erstarrt" und von der Gruppe getrennt waren, später stärker zu Symptomen. Sehr gefährdet
waren auch die "Rambos", die Männer, die sich impulsiv und isoliert in Aktionen gestürzt
hatten, ohne mit anderen zu kooperieren.« |
Ideologische oder religiöse Überzeugung
Eine
grosse Hilfe bei der Überwindung von Traumata ist eine starke ideologische oder religiöse
Überzeugung. Für Opfer politischer Gefangenschaft und Folter bedeutet das Bewusstsein, für eine
gute, gerechte Sache zu kämpfen und nicht umsonst gelitten zu haben, eine Mobilisierung psychischer
Kräfte, die beim Bewältigen des Schrecklichen helfen.
Viele
Traumatisierte, vor allem Betroffene lang anhaltender, das heisst chronischer Traumata, berichten
von der unschätzbaren Bedeutung ihrer religiösen Weltanschauung. Die unerschütterliche Gewissheit,
dass es trotz all des Bösen in der Welt eine höhere Macht gibt, die letztlich jedem
Gerechtigkeit widerfahren lässt und die fühlbar Trost und Zuversicht vermitteln kann, bedeutet für
viele Menschen die allergrösste Stütze im Leid.
Fehlt
einer Religiosität jedoch die feste, innere Gewissheit, mit anderen Worten, gründet
eine Religiosität bloss auf unsicherem Glauben und nicht auf höherer Einsicht in geistige
Gesetzmässigkeiten, so ist die Gefahr gross, den Glauben durch ein Trauma zu verlieren und sich in
der Folge gänzlich verlassen zu fühlen. Der Verlust des Gottesglaubens und das daraus resultierende
Gefühl vollständiger Verlassenheit ist wohl der stärkste Faktor, der
zur Entwicklung einer posttraumatischen Belastungsstörung führt; dies ist eine Tragödie, die während
des Zweiten Weltkriegs hunderttausend- wenn nicht millionenfach erlebt wurde. Ein solchermassen
Betroffener ist der Schriftsteller Eli Wiesel, ein Überlebender des Holocaust:
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»Nie werde ich die Flammen vergessen, die meinen Glauben für immer verzehrten. Nie werde ich
das nächtliche Schweigen vergessen, das mich in alle Ewigkeit um die Lust am Leben gebracht hat. Nie
werde ich die Augenblicke vergessen, die meinen Gott und meine Seele mordeten und meine Träume in
Staub verwandelten. Nie werde ich das vergessen, und wenn ich dazu verurteilt wäre, so lange wie
Gott zu leben. Nie.«
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