|
Wie
im letzten Abschnitt des vorherigen Kapitels dargelegt kann der Glaube eine grosse Hilfe bei der
Überwindung eines Traumas sein. Die unerschütterliche Gewissheit, dass es trotz all des Bösen
in der Welt eine höhere Macht gibt, die letztlich jedem Gerechtigkeit widerfahren lässt und die
fühlbar Trost und Zuversicht vermitteln kann, bedeutet für viele Menschen die allergrösste Stütze im
Leid.
Diese Hoffnung, dass der Glaube an die Würde des Menschen und Gottes Gereichtigkeit das letzte Wort
haben wird, beschreibt C. Faulde sehr eindrücklich in Ihrem Buch:
Ein
Kind leiden zu sehen, ist die härteste und bitterste Konfrontation mit dem Leid, denn ein Kind
hat die geringste Chance, sich dem Leid zu entziehen, und ist völlig wehrlos seinen Peinigern
ausgeliefert. Dieses hautnah zu erfahren oder in der Therapie wieder aufleben zu lassen, führt zu
den tiefsten Zweifeln an einen guten und gerechten Gott. Für eine Frau, die sich an ihren sexuellen
Missbrauch erinnerte, war dies gleichzeitig das Ende ihrer Beziehung zu Gott: "Das erste, was
ich dachte, war: 'Was ist das für ein Gott, an den ich da glaube?' Ein kleines Mädchen war
geschlagen und vergewaltigt worden, und kein Gott hatte irgendetwas dagegen getan... Je mehr ich
erinnerte, desto klarer wurde mir, dass ich Gott völlig egal war. Und wenn ich ihm egal war, dann
war er nicht der, für den ich ihn gehalten hatte. Und wer war er dann?"
Eli
Wiesel überlieferte aus dem KZ eine ähnliche Geschichte, die von den tiefen Zweifeln an Gott im
Angesicht menschlichen Leidens erzählt. Ein Junge wurde im KZ von den Aufsehern zum Tode am Galgen
bestimmt und erhängt. Minutenlang kämpfte das Kind seinen Todeskampf am Galgen, während die
Mithäftlinge hilflos zusehen mussten. Da sagte einer der Gefangenen verzweifelt: "Wo ist
Gott?" Und E. Wiesel spürte, wie sich in seinem Inneren die Antwort formte: "Da hängt er."
.... Ist auch Gott von den Nazis ermordert worden? Müssen wir angesichts solcher Grausamkeiten
gegenüber Kindern lernen, uns von der Illusion eines allmächtigen Gottes zu verabschieden, und
akzeptieren, dass Gott tot oder ohnmächtig ist wie wir? Ist dies das nüchterne Bild von Gott, das
uns nach den Schrecken unseres Jahrhunderts geblieben ist, wenn wir es überhaupt noch wagen von Gott
zu sprechen? Ist dies die unausweichliche Konsequenz, zu der eine gewaltverseuchte eigene
Lebensgeschichte zwingt?
Die
Geschichte aus dem KZ kann aber auch einen anderen Sinn haben, wenn sie nicht etwas über Gott,
sondern über den Jungen sagen will. Dann ist die Aussage "da hängt er" ein Satz des
Protestes, der sagt, nicht diejenigen, die sich wie Götter aufführen und es genießen, ihre Macht
willkürlich auszuspielen, nicht sie sind Gott. Dieser Junge, misshandelt, verachtet, seiner Würde
beraubt, gequält und im Tod zerrieben, er ist das unendlich Kostbare und unendliche Liebenswerte.
Alle Grausamkeiten konnten ihm nicht das eine nehmen, dass er ein Ebenbild Gottes geblieben ist.
...Die Leiden eines Kindes anzusehen, sei es als Augenzeuge oder sei es in der Wiederbelebung eines
frühkindlichen Traumas in der Therapie, erscheint mir unerträglich ohne diese feste Gewissheit von
der unzerstörbaren Würde des Menschen, die in Gott begründet ist. Das Nein, das sich in unserem
Inneren einem solchen Leiden entgegenstellt, ist zugleich ein Ja zu einer anderen menschlicheren und
zugleich göttlichen Ordnung der Liebe. Sich daran festzuhalten, kann durch die düstersten
Wegstrecken des Lebens führen. Sie ist ein Anker, wenn die Verzweiflung über die Sinnlosigkeit des
Schmerzes uns in den Abgrund zu reißen droht. Mit diesem Glauben geben wir zu verstehen, dass die
Grausamkeit nicht das letzte Wort hat, dass sie nicht jeden Funken Menschlichkeit tötet, dass es
mehr gibt, als das, was Menschen zerstören und zertreten können. Vielleicht können wir das Gott
nennen. ... Solange wir uns diesen Glauben an den göttlichen Ursprung der Würde des Menschen nicht
nehmen lassen, sind wir nicht besiegt, zertreten und verloren."
| (in: Cornelia Faulde, Wenn frühe Wunden schmerzen. Glaube auf dem Weg zur Traumaheilung, Mainz 2002, S. 91-93) |
|
| | |