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GESCHICHTEN
KURZGESCHICHTE
Sonntag 7.9.2008
FREI SEIN ? !


Nach dem Hurrikan Mitch, Nicaragua 1998.



Kriegsflüchtlinge aus Bosnien, Schweiz 1993.
In der Behandlung von Traumaopfern geht man heute auf Grund des aktuellen Wissensstandes im allgemeinen von drei stufen des Genesungsprozesses aus.
Erste Genesungsphase:
Sicherheit wiedergewinnen


Erfährt ein Opfer eines Traumas fachliche Betreuung und Behandlung, so zielt diese als allererstes darauf ab, eine gründliche und fachkundige Diagnose des Symptoms zu geben. Gleichzeitig wird daran gearbeitet, die Sicherheit des Betroffenen wieder herzustellen und ihm zu helfen, die Kontrolle über sich und sein Leben wieder zuerlangen. Solange dies nicht in ausreichendem Masse erreicht ist, wird jede weitere Therapiearbeit erfolglos bleiben.
Hat der Patient seine Stärke und die Kontrolle über seinen Körper wiedererlangt - und dies kann bei einem akuten Trauma Tage oder Wochen, bei einem chronischen Missbrauch sogar Monate oder Jahre dauern -, kann mit der zweiten Stufe des Genesungsprozesses begonnen werden.
Zweite Genesungsphase:
Rekonstruktion und Wiedererinnern des Traumas


Der Patient wird in der sicheren Umgebung der Therapie aufgeforden, die Geschichte seines Traumas so detailiert wie möglich zu erzählen, und zwar unter Zuhilfenahme aller Sinne: Er wird gefragt, was er sieht, was er hört was er riecht, was er fühlt und was er denkt. Ein amerikanischer Therapeut erklärt dazu:
»Wenn wir die Patienten nicht ausdrücklich nach den Gerüchen, dem rasenden Pulsschlag, den angespannten Muskeln oder dem Schwächegefühl in den Beinen fragen, dann werden sie versuchen, diese schrecklichen Erfahrungen auszulassen.«
Ein Bericht, in dem die mit dem Trauma verbundenen Bilder und sinnlichen Wahrnehmungen aber fehlen, bleibt unvollständig und fruchtlos. Das Ziel der Rekonstruktionsarbeit ist es letztlich, die ganze Geschichte einschliesslich aller Bilder und Empfindungen in Worte zu fassen und zu integrieren, damit sie zu einem Teil der Vergangenheit werden.
Die Konfrontation mit dem traumatischen Erlebnis ist sehr schwierig und schmerzvoll. Mit Hilfe verhaltenstherapeutischer Techniken wird versucht, dem traumatischen Ereignis den Schrecken zu nehmen. Ein Beispiel dafür sind sogenannte Expositionsverfahren, die den Patienten wiederholt angstauslösenden Reizen aussetzen, bis eine 'Gewöhnung' stattfindet und der Reiz seine Bedrohlichkeit verliert beziehungsweise keine Symptome mehr hervorruft. Eine andere Technik, die bei der Rekonstruktion eines Traumas zur Anwendung kommt, ist der sogenannte Zeugenbericht. Sie wird vor allem bei Opfern politischer Gefangenschaft und Folter angewandt: Die Patienten verfassen ihre Geschichte in Form einer Zeugenaussage, die genau protokollien und vom Patienten als "Kläger" und vom Therapeuten als "Zeugen" unterzeichnet wird. Hilfreich beim Wiedererinnern eines Traumas sind vielfach auch nonverbale Therapiemethoden wie Bewegungs-, Tanz- oder Kunsttherapie, die dem Opfer von Gewalt beim Wiederaufbau eines gesunden Körpergefühls helfen oder ihm Wege aus der Sprachlosigkeit weisen.
Zur zweiten Genesungsstufe gehört auch das Trauern um Verlorenes. Die Zulassung der tiefen Trauer nennen viele Therapeuten die notwendigste und auch die am meisten gefürchtete Aufgabe; denn Traumatisierung hat mit Demütigung zu tun, und es fällt schwer, erlittene Schmerzen zuzugeben. Doch nur wenn der Patient um alles Verlorene trauert, sei es um die verlorene körperliche und seelische Unversehrtheit oder sei es, wie im Falle von Veteranen, die während des Krieges töteten oder Verbrechen begingen, um die verlorene moralische Integrität, kann er sein unzerstörbares Innenleben wiederentdecken.
Zur Trauerarbeit gehört auch, akzeptieren zu lernen, dass Abrechnung mit dem Täter nicht weiterführt. Durch Rache gibt es nie eine Erleichterung der Beschwerden und ebensowenig ein Wiedererlangen der eigenen Stärke. Rächer entwickeln im Gegenteil oft besonders schwer wiegende und hartnäckige Störungen. In der Therapie wird daher daraufhingearbeitet, dass die ohnmächtige Wut in eine wirkungsvollere und befriedigendere Form der Empörung übergeht: in gerechten Zorn. Nur so kann sich ein Opfer von den Stricken seiner Rachephantasien befreien.
Die zweite Genesungsphase ist abgeschlossen, wenn das Trauma erforscht und akzeptiert ist, wenn man über sein zerstörtes Selbst getrauert hat und bereit ist, ein neues Selbst aufzubauen.
Dritte Genesungsphase:
Wiederanküpfung ans Leben


Eine endgültige Auflösung des Traumas wird nicht möglich sein. Doch der Betroffene hat gelernt, mit dem Erlebnis fertig zu werden. Es hat keine Macht mehr über ihn und kann ihn nicht mehr schlagartig lähmen. In der dritten Phase des Genesungsprozesses gehen die Patienten daran, wieder ein aktives Leben aufzubauen:
»Sie haben inzwischen eine ungefähre Vorstellung von dem Menschen, der sie früher einmal waren, und von dem Schaden, der diesem Menschen durch das traumatische Ereignis zugefügt wurde. Nun stehen sie vor der Aufgabe, zu dem Menschen zu werden, der sie gerne sein möchten. Im Verlaufe des Entwicklungsprozesses besinnen sie sich auf jene Charakterzüge und Stärken, die sie in der Zeit vor, während und nach dem Trauma besonders an sich schätzten, und schaffen sich durch die Integration all dieser Elemente ein neues Selbst. Mit der Zeit wird die Idealvorstellung immer mehr zur Wirklichkeit.« (Judith Lewis Herman)
Die meisten Opfer versuchen ihre traumatischen Erfahrungen innerhalb der Grenzen ihres Privatlebens zu bewältigen. Aber eine gar nicht so kleine Minderheit unter ihnen empfindet das überstandene Trauma als eine Herausforderung, gesellschaftlich aktiv zu werden. Sie entdecken, dass sie ihrer persönlichen Tragödie eine ganz neue Bedeutung verleihen können, wenn sie gesellschaftliches Engagement daraus ableiten und sich für Menschen einsetzen, die Ähnliches erlitten haben. Aus diesem Engagement schöpfen sie nicht nur Kraft und Freude, sondern schaffen damit ein wirkungsvolles Bündnis mit anderen Menschen, das auf Zusammenarbeit und einem gemeinsamen Ziel gründet.
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