|
2. Kapitel - Die Bilder gleichen sich
Die
Thematik des Traumas rückte erst wieder mit dem Zweiten Weltkrieg ins Blickfeld, als sich bei vielen
Soldaten dieselben psychischen Störungen zeigten, wie sie Jahre zuvor im Ersten weltkrieg beobachtet
worden waren. Dieses Mal bemühten sich die Militärpsychiater jedoch, die Stressreaktionen auf das
Kampfgeschehen von ihrer Brandmarkung zu befreien. Denn wenn die Erkrankten so schnell wie möglich
wieder einsatzfähig werden sollten, so mussten sie erfolgreich behandelt werden - und dies gelang
offensichtlich nur, wenn man den Zusammenhang zwischen traumatisierenden Erlebnissen und
psychiatrischen Erkrankungen zugab. Dieser Zusammenhang liess sich damals auch gar nicht mehr
leugnen; denn man hatte erkannt, dass die seelischen Störungen sogar vorhersagbar waren, und zwar in
Relation zur Heftigkeit der miterlebten Kämpfe. Zwei amerikanische Psychiater kamen auf Grund ihrer
Beobachtungen zum Schluss, dass selbst der stärkste Mann nach 200 bis 240 Tagen im Kampf
zusammenbricht:
|
»Es gibt keine "Gewöhnung an den Krieg". (...) Im Kampf bedeutet jeder Augenblick eine so hohe
Belastung, dass die Zusammenbrüche der Männer in direktem Verhältnis zu der Intensität und Dauer
stehen, mit denen sie dem Kampfgeschehen ausgesetzt waren. Daher sind psychiatrische Erkrankungen
ebenso unvermeidlich wie Schusswunden und Verletzungen durch Granatsplitter.«
|
Obwohl
die Ärzte feststellten, dass Kriegserlebnisse tiefe seelische Spuren hinterlassen können,
war die Behandlungsstrategie auf kurze Therapien angelegt. Man achtete darauf, die Betroffenen
möglichst bald wieder an die Front zu schicken, zumal offenkundig wurde, dass bei vielen Männern die
Unterbringung in Lazaretten und die damit verbundene Entfernung von den vertrauten Kameraden einen
weiteren Stressfaktor darstellte, der die bereits vorhandenen Symptome noch verstärkte.
Laut einem Bericht nahmen 80 Prozent der amerikanischen Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg unter
akuten Belastungen zusammengebrochen waren, meist schon nach einer Woche wieder irgendeine Form von
Dienst auf, und 30 Prozent kehrten sogar zu ihrer Kampfeinheit zurück. Wie es ihnen nach der Rückkehr
in den aktiven Dienst erging, war für die Militärführung und die Ärzte kaum mehr von Belang.
Nach dem Krieg: erneutes Verdrängen und Vergessen
An
die Möglichkeit sorgfältiger, längerfristiger Therapien wurde auch nach dem Krieg nicht gedacht.
Um das Schicksal der Kriegsheimkehrer kümmerte sich niemand. Solange sie auf minimaler Ebene
funktionierten, galten sie als genesen. Mit Kriegsende setzte der bereits vom Ersten Weltkrieg her
bekannte Verdrängungsprozess wieder ein, und die nachhaltigen Folgen von Kriegstraumata gerieten
wieder in Vergessenheit.
Zu
einem besonderen Ausmass an Verdrängung kam es in Deutschland. Traumatische Erlebnisse deutscher
Soldaten und der Zivilbevölkerung zu thematisieren war absolut tabu. Neben der allgemein üblichen
Gleichgültigkeit gegenüber Traumatisierung und psychischen Folgen sowie den Sorgen um das zerstörte
Land waren es vor allem die unselige Verstrickung in Schuld und die damit verbundenen Gefühle von
Scham, die zu einer nahezu kompletten Verdrängung des Geschehenen führten. Die Deutschen, sowohl die
Soldaten als auch die Zivilbevölkerung, gehörten zum "Tätervolk", und eine Thematisierung
ihrer leidvollen Erfahrungen schien nicht angebracht. Über die schrecklichen Erlebnisse im
Zusammenhang eigener Verbrechen wurde hartnäckig geschwiegen; ein Mantel eisernen Schweigens breitete
sich aber auch über das eigene Leiden im Zusammenhang mit den Erlebnissen der Bombardierungen, der
Flucht, der Vertreibungen, der Vergewaltigungen, des Hungers oder des Leidens in der
Kriegsgefangenschaft. Die Verschlossenheit wurde symptomatisch. Stillschweigen über die traumatischen
Ereignisse herrschte überall, sowohl zwischen den Ehepartnern und gegenüber den Kindern als auch in
der Psychotherapie und in der Beichte.
| | |