
Santiago de Chile, 11. September 1999; ein
Volk klagt an: Während der 17 jährigen Militärdiktatur Augusto Pinochets wurden
Tausende von Bürgern und Bürgerinnen Opfer von politischer Gefangenschaft, Folter
und Mord.
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8. Kapitel - Intergenerationenwirkung
Durch
die gewissenhafte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Traumathematik konnte im weiteren die
wichtige Erkenntnis gewonnen werden, dass die Dringlichkeit einer Verarbeitung schrecklicher
Erlebnisse nicht nur für den Betroffenen selbst angezeigt ist, sondern auch im Hinblick auf die
nachfolgende Generation. Wie vor allem die Behandlung von Holocaust Überlebenden deutlich machte,
können unverarbeitete, verdrängte Traumata auf Kinder und Kindeskinder übergehen. Untersuchungen
belegen, dass die zweite Generation überdurchschnittlich oft an Angst, Schlafstörungen, Depressionen,
Aggressionen, psychosomatischen und anderen Symptomen leidet und somit ein ähnliches Beschwerdebild
aufweist wie die Eltern. Obwohl in vielen betroffenen Familien nicht über die Vergangenheit gesprochen
wurde, ist das 'Familiengeheimnis' doch immer präsent, sei es durch eine Geste, eine Reaktion auf
einen Film oder eine tätowierte Nummer auf dem Arm. Da Kinder mit ihrer besonders ausgeprägten
Sensibilität für Atmosphärisches den Schmerz der Eltern aufnehmen, ihn jedoch nicht wirklich fassen
können, bleiben sie unbewusst dem Schicksal ihrer Familie auch im Erwachsenenalter zutiefst verbunden.
Für viele Fachleute ist die Einsicht, dass Stresssymptome sowie eine gestörte Haltung gegenüber der
Welt an die neue Generation weitergegeben werden, eine der erschütterndsten Erfahrungen in ihrer
Arbeit mit Traumaopfern und ein wesentlicher Grund, immer aufs neue gegen die teilweise nach wie vor
verbreitete Tabuisierung von Traumata anzukämpfen.
Weltweites Engagement für Opfer von Krieg und Gewalt
Das in der Öffentlichkeit stetig wachsende Bewusstsein für die verheerenden Folgen von Krieg und
Gewalt gehört wohl mit zu den erfreulichsten Errungenschaften der Traumaforschung; denn das durch
Aufklärung und Information entwickelte Mitgefühl für die Betroffenen hat es möglich gemacht, dass
heute nicht nur Bürger unserer Gesellschaft Betreuung erfahren, wenn sie Opfer schrecklicher
Geschehnisse werden, sondern dass auch Menschen anderer Völker in dieser Situation Hilfe finden.
Mittlerweile sind internationale Organisationen entstanden, die sich in Krisengebieten in allen
Teilen der Welt um die traumatisierte Zivilbevölkerung zu kümmern beginnen und so gegen
unermessliches, 'unsichtbares' Leid ankämpfen.
Die
Bedeutung dieses schwierigen und schmerzvollen Einsatzes kann nicht genug betont werden. In vielen
Ländern wären die Opfer von Krieg, Gewalt und Vergewaltigung sich selbst überlassen - so wie noch vor
wenigen Jahrzehnten auch die Betroffenen in unserer Gesellschaft. Für den Amerikaner Richard
F. Mollica, Professor für Psychiatrie an der Harvard Medical School in Cambridge
(Massachusetts) und Gründer eines der ersten klinischen Zentren für die Überlebenden von
Massengewalt und Folter, ist die Notwendigkeit einer sofortigen psychologischen Behandlung einer
kriegstraumatisierten Zivilbevölkerung auch deshalb gegeben, weil durch psychische Belastungsstörungen
auch die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes nachhaltig gefährdet wird:
»Erst in den letzten fünf Jahren haben internationale Organisationen diese Fakten anerkannt.
Speziell die Weltbank sah ein, dass herkömmliche Entwicklungsmodelle bei kriegsgeschüttelten Nationen
nicht greifen und dass neue Ansätze vonnöten sind. In Kambodscha und Osttimor haben internationale
Hilfsorganisationen psychiatrische Kliniken eingerichtet, und in Südafrika und Bosnien machten
ortsansässige Ärzte im Fernsehen auf die einschlägigen Probleme und Hilfsmöglichkeiten
aufmerksam. Im Rahmen unseres eigenen Programms richten wir jetzt kleine betriebliche Projekte ein, um
Menschen mit Depressionen ins Arbeitsleben zuriickzuführen. Solche Anstrengungen sind essentiell, um
den Teufelskreis von Lethargie und Rachegefühlen bei den Opfern zu durchbrechen, der immer weitere
Teile der Erde heimsucht.« (Spektrum der Wissenschaft, 9/2000)
Das
Engagement der zahlreichen Ärzte und Betreuer ist ermutigend. Es gilt aber sich bewusst zu sein,
dass ihre Arbeit im Grunde genommen erst Anfänge sind. Wenn es um die bedrohte Bevölkerung geht,
besonders um die Gewalt gegen Frauen, ist Wegschauen noch immer gesellschaftliche und politische
Routine. Die Hilfe für Opfer von Krieg und Gewalt muss noch viel weiter gehen. Dazu gehört der Wille,
Gewalt nicht mehr zu dulden und Gewalttäter zur Verantwortung zu ziehen. Vor allem gilt es, die
Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid des anderen zu überwinden. Dies ist eine Aufgabe, die jeden angeht
und nie beendet sein kann.
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